Politik der kleinen Stiche

Die generelle Impfpflicht rückt näher. Wenn man sie nicht will, muss man konsequent auf dosierten Druck und schlaue Lenkung setzen. Denn gutes Zureden wird eher nicht reichen.

(c) BilderBox

Ein Auszug der Meldungen der vergangenen Woche: In New York wurde wegen Masern der Gesundheitsnotstand ausgerufen. Wer nicht geimpft ist, zahlt bis zu 1000 Dollar. In Ungarn entschied das Verfassungsgericht, dass Eltern, die der Impfpflicht nicht nachkommen, das Kind temporär entzogen werden kann. Und in Klagenfurt stand der Busverkehr still, weil ein Fahrer an Masern erkrankt war.

Und nein, die vergangene Woche war keine außergewöhnliche. Das Thema Impfen poppt mit (un)schöner Regelmäßigkeit auf. Genauso wie die Forderung nach einer Impfpflicht, zuletzt erhoben von der Österreichischen Ärztekammer. Die Ärztekammer Steiermark denkt sogar über eine Volksbefragung nach. Die – das lassen frühere Umfragen vermuten – wohl pro Pflicht ausginge.

Trotzdem erzeugt die Idee bei vielen Unbehagen. Es ist ein fundamentales Recht, medizinische Eingriffe abzulehnen. Daran zu rühren, erzeugt Rufzeichen-Emotionen: Mein Körper! Mein Kind! Parteien wie die Neos sind nach Protest deshalb von der Pflicht-Idee wieder abgekommen. Nur: Was ist die Alternative, wenn man die Durchimpfungsrate erreichen will? Eine zynische Option lautet: Warten, bis die Einschläge – Epidemien, dramatische Einzelfälle – näher kommen und es nicht mehr anders geht.

Die andere Variante? Wird gesucht. Am liebsten wäre allen, das Problem ließe sich – abgesehen von den resistenten Impfgegnern – mit Information lösen. Nun wäre es fein, bekäme der Hausarzt nicht nur Impfungen, sondern auch ein Aufklärungsgespräch honoriert, aber der Verdacht liegt nahe: Argumente werden nicht reichen. Der Kopf weiß bereits, dass man sich Nicht–Impfen nur leisten kann, weil es genug andere gibt, die es tun. Und dass die Entscheidung nicht nur Privatsache ist: Ungeimpfte gefährden Kleinkinder und Kranke, die sich nicht impfen lassen können. Aber der Bauch ist halt ein Egoist. (Das beweist übrigens die Zeckenimpfung. Hier, wo jeder auf sich selbst schauen muss, ist die Impfrate stabil). Leider neigt der Bauch auch zum „Omission Bias“: Demnach unterlässt man lieber ein kleines Risiko (Impfung), auch wenn man damit ein künftiges, größeres (Krankheit) abwenden kann.

Und genau deshalb braucht es mehr als gute Worte. Nämlich dosierten Druck und schlaue Lenkung. Druck gibt es bislang nur vereinzelt: In internationalen Kindergärten und Schulen gibt es die „kleine Impfpflicht“ (nur geimpfte Kinder werden genommen). In steirischen Landesspitälern darf nur geimpftes Personal mit Patienten arbeiten.

Beide Ideen sind ausbaufähig. Eine andere – z. B. das Koppeln an das Kinderbetreuungsgeld – ist zumindest diskussionswürdig. Und eine weitere ist spät, aber doch im Kommen. Der E-Impfpass ist der erste Schritt zum digitalen Impfregister. Dieses hat den Niederlanden zu einer Durchimpfungsrate von 97 Prozent verholfen. Ohne Pflicht. Es genügt, die Bürger an fällige Impfungen via SMS zu erinnern. Schlau, oder? An der Stelle: Was fällt der von der Regierung erfundenen Nudging Unit (Nudging: Stupsen) zum Thema ein? Denn es sind praktische Details wie das Ping am Handy, die zählen. Wer keine Impfpflicht will, muss konsequent auf kleine Schritte setzen. Oder vielmehr: kleine Stiche.

ulrike.weiser@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2019)

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