Wenn die Übergangsdiplomatie so aussieht, kann es noch heiter werden

Das Abdullah-Zentrum scheiterte an seinem saudischen Geburtsfehler und einer Hauruck-Außenpolitik des Nationalrats, die Wien als Amtssitz beschädigt.

Das Abdullah-Zentrum ist auf einem absurden Fundament gebaut. Ausgerechnet Saudiarabien finanziert eine Einrichtung in Wien, die sich den interkulturellen und interreligiösen Dialog auf die Fahnen schreibt. Das war und ist an Heuchelei kaum zu überbieten. Denn das wahhabitische Königreich ist bis heute ein Hort unbarmherziger Intoleranz, die Ausübung anderer Religionen verboten oder in den Untergrund verbannt. Wer vom Islam abfällt, dem droht die Todesstrafe. Gepflegte Salongespräche mit Andersdenkenden oder Andersgläubigen sind eher nicht vorgesehen. Aber an der Wiener Ringstraße sollte dann elegant mit christlichen, schiitischen, buddhistischen, jüdischen und hinduistischen Würdenträgern parliert werden. Eine groteske Konstruktion, an deren Fassade schon die Absicht der Saudis erkennbar war, ihr Image aufzupolieren.

Und doch schwang zu Beginn auch Hoffnung mit. Dem Namenspatron des Zentrums, dem mittlerweile verstorbenen König Abdullah bin Abdulaziz, schien es ein Anliegen zu sein, sein Land vorsichtig zu öffnen. Er suchte den Kontakt zum Vatikan, traf 2007 erstmals Papst Benedikt XVI. Und so entstand die Idee, den Dialog zwischen den Religionen zu institutionalisieren. Spanien war als Gründerstaat an Bord, der Vatikan ebenfalls, allerdings mit Beobachterstatus. Und Österreich bot sich in seiner Sammelleidenschaft für internationale Organisationen als Amtssitz an.

Die damalige schwarz-rote Bundesregierung konnte sich dabei auf die Großzügigkeit des greisen saudischen Monarchen verlassen. Er übernahm fast alle Kosten, auch für die Renovierung des Palais Sturany, in dem das Dialogzentrum 2012 seine Pforten öffnete. Umstritten war die Quatschbude vom ersten Tag an. Doch Kritik wischten der damalige VP-Außenminister, Michael Spindelegger, und SP-Kanzler Werner Faymann beiseite. Hauptsache, man hatte wieder eine internationale Organisation nach Wien gelotst.

Am auffälligsten war im ersten Amtsjahr das Schweigen des Dialogzentrums, das nicht nur einen saudischen Generalsekretär hatte, sondern auch einen saudischen Kommunikationsstil. Es äußerte sich zu keinem religiös aufgeladenen Konflikt. Die Stillhaltetaktik rächte sich spätestens, als der saudische Blogger und Islamkritiker Raif Badawi zu Auspeitschungen verurteilt wurde. 2015 wandte sich Kanzler Faymann vom Dialogzentrum ab und drohte erstmals mit Schließung. So weit wollte der damalige ÖVP-Außenminister, Sebastian Kurz, nicht gehen; die Diplomaten in seinem Haus fürchteten einen Imageverlust für Österreich, falls es den Amtssitz einer internationalen Organisation dichtmacht. Man versprach eine „Neuausrichtung“ des Zentrums und hoffte auf den Beitritt weiterer Staaten.

Am Mittwoch schließlich fiel das Dialogzentrum rasend schnell der neuen Dynamik im Nationalrat zum Opfer. Der Anlassfall hatte mit dem interreligiösen Forum genau genommen nichts zu tun. Aus Protest dagegen, dass einem 18-jährigen Jugendlichen, der als Kind gegen die Regierung in Riad demonstriert hatte, die Köpfung droht, fiel Peter Pilz von der Liste Jetzt in der Früh ein, in einem (nicht verbindlichen) Entschließungsantrag die Schließung des Dialogzentrums zu fordern. FPÖ und SPÖ zogen mit. Die ÖVP verlangte das Gleiche in einem eigenen Antrag. Der Außenminister der Übergangsregierung beugte sich umgehend der Mehrheit und sagte den Ausstieg Österreichs aus dem Abdullah-Zentrum zu. Dem Standort Wien wird es nicht nützen, wenn die Republik anfängt, Amtssitzabkommen zu kündigen. Doch derlei Erwägungen spielten bei der Hauruck-Aktion im Nationalrat keine Rolle. Wenn in den nächsten Monaten auf diese Weise Österreichs Außenpolitik entsteht, kann es noch heiter werden.

Vermissen wird das Dialogzentrum allerdings kaum jemand. So gut die Grundidee war, eine Gesprächsplattform für Weltreligionen zu schaffen, so bemüht die Mitarbeiter waren, so unerträglich blieb bis zuletzt die finanzielle und organisatorische Schlüsselrolle der Saudis. Die Einrichtung ist an ihrem Geburtsfehler gescheitert. Retten kann das Zentrum jetzt nur noch Spanien.

E-Mails an: christian.ultsch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2019)

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