Die große Heuchelei der Energiewende

Stromausfälle wie in Südamerika drohen auch hierzulande, wenn bei der Ökostromoffensive weiter Leitungsbau und Back-up vernachlässigt werden.

Langsam wird es wieder hell in Argentinien und Uruguay. Der Stromausfall, der die beiden Länder fast zur Gänze für mehr als 15 Stunden lahmgelegt hatte, ist beseitigt. Man muss sich das einmal vorstellen: Nichts funktioniert mehr. Kein Licht, kein Handy, kein Wasser, keine Supermarktkassa, kein Bankomat, keine Tankstelle.

15 Stunden übertaucht man in einer derartigen Situation noch halbwegs. Aber was, wenn so ein Blackout vier, fünf Tage dauert? Wenn die öffentliche Sicherheit zusammenbricht? Ein Horrorszenario.

Eines, auf das hierzulande kaum jemand vorbereitet ist. Warum auch? Im Gegensatz zu Teilen Afrikas und Südamerikas, wo mehrstündige Stromausfälle fast schon zum Alltag gehören, haben wir ja ein stabiles Stromnetz, nicht wahr?

Eine weitverbreitete Ansicht, die ziemlich trügerisch ist. Gerade erst vor drei Wochen ist die Schweiz haarscharf an einem flächendeckenden Blackout vorbeigeschrammt. Und im Jänner dieses Jahres hatten die Netzbetreiber alle Hände voll zu tun, um einen europaweiten Netzzusammenbruch im allerletzten Augenblick zu verhindern.

Die traurige Wahrheit ist: Auch das europäische Stromnetz wird immer instabiler und verletzlicher. Zum einen, weil die Stromnetze wegen der katastrophalen Wirkung bei ihrer Ausschaltung erstklassige Objekte für Cyberattacken abgeben. Und zum anderen, weil der – wünschenswerte und wichtige – Ausbau der alternativen Stromerzeugung aus Wind und Sonnenenergie vor allem in Mitteleuropa ideologie- und nicht technikgetrieben vor sich geht. Und deshalb die Stromnetze in gefährliche Schieflagen bringt.

Ersteres, die Cybergefahr, wird eher im Konfliktfall relevant. Zweiteres, die unintelligent praktizierte Energiewende, ist aber ein sehr ernstes Problem, das gerade über uns hereinbricht – und von der Politik mit dummen, populistisch formulierten Zielen noch befeuert wird.

Als besonders gefährdet gilt da ausgerechnet das Land mit der derzeit größten Ausfallssicherheit: Deutschland. Dort wird in großem Stil die Stromerzeugung aus Wind- und Sonnenkraft ausgebaut. Und gleichzeitig das für diese Energiearten notwendige Back-up zurückgefahren: Die Deutschen wollen binnen weniger Jahre alle Kohle- und Kernkraftwerke schließen. Das geht so lange gut, solange man den unregelmäßig anfallenden „Flackerstrom“ aus Sonne und Wind mit Kohle- und Atomstromimporten aus Polen, Frankreich und Tschechien stabilisieren kann. Aber auf Dauer kann das eben keiner garantieren.

Und damit sind wir jetzt bei der großen Heuchelei der Energiewende: Die benötigt – mangels ausreichender Speichermöglichkeiten für den Ökostrom – erstens den Ausbau leistungsfähiger Leitungsnetze. Und zweitens das Vorhalten konventioneller Grundlastkapazitäten. In Österreich sind das Gaskraftwerke, woanders eben Kernkraft-, Kohle- oder (wie in Skandinavien) Wasserkraftanlagen.

Beides ist unpopulär: Der Leitungsbau stößt auf endlose Verzögerungen durch Einsprüche, und konventionelle Kraftwerke sind ganz pfui. Die Politik springt da noch mit populistisch formulierten Schwachsinnszielen wie „100 Prozent Ökostrom bis 2035“ auf – von denen jeder, der sich ein bisschen mit der Materie befasst, weiß, dass sie zumindest bis zur Entwicklung entsprechender Möglichkeiten für die großflächige Speicherung von Wind- und Sonnenstrom technisch gesehen Unsinn sind. Außer natürlich die entsprechenden Minister und Ministerinnen.

Wir steuern also aus politisch-ideologischen Gründen in ein völlig unnötiges Blackout-Gefahrenszenario hinein. Eines, das sich vermeiden ließe, wenn man den – wie gesagt notwendigen und sinnvollen – Ausbau der Ökoenergie mit den ebenso notwendigen Maßnahmen in ausreichendem Maß beim Leitungsbau und bei den Back-up-Kapazitäten abfederte. Aber dafür müssten ideologisch motivierte Träumer in der öffentlichen Diskussion realistisch kalkulierenden Technikern Platz machen. Sonst wird es früher oder später wohl auch hierzulande passieren, dass uns das Licht ausgeht.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com


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