Die finanzielle Repression ist gekommen, um zu bleiben

Vergessen Sie Vorsorge mit Sparprodukten: Die Notenbanker kommen aus der Nullzinsfalle nicht heraus, bald werden Sie fürs Sparen gar bezahlen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat gestern ihre Zinssätze unverändert bei null (Leitzins) beziehungsweise minus 0,4 Prozent (Einlagenzins für Banken) belassen und angedeutet, dass es im Herbst eine weitere Lockerung geben könnte. Das würde bedeuten, dass der Leitzins dann erstmals seit Gründung der EZB negativ würde. Und/oder dass die Banken künftig für Geld, das sie bei der Notenbank bunkern, statt jetzt 0,4 dann 0,6 Prozent Strafzinsen bezahlen müssen.

Das werden sie nicht aushalten. Schon gibt es erste Geldinstitute in Deutschland, die für diesen Fall Strafzinsen für ganz normale Sparer und Girokonteninhaber ankündigen. Diese werden dann nicht nur, so wie jetzt, für das Geld, das sie der Bank anvertrauen, so gut wie keine Zinsen erhalten. Sondern auch zusätzlich noch eine „Verwahrgebühr“ bezahlen müssen.

Die finanzielle Repression, wie der Zustand genannt wird, bei dem Sparer ihren Einlagen beim realen Schmelzen zusehen müssen, wird sich dann deutlich verschärfen. Zum realen Wertverlust durch Inflation (derzeit rund 1,6 Prozent) kommt dann ja noch die Verwahrgebühr hinzu, sodass man wohl mit jährlichen Wertverlusten jenseits der Zwei-Prozent-Marke wird rechnen müssen. Vorsorge mit Zinsprodukten kann man damit wohl für längere Zeit vergessen. Auch die dritte Säule der Pensionsvorsorge.

Das ist alles sehr betrüblich, aber nur das kleinere der Risken, die uns die finanzielle Zukunft vermiesen können. Denn wir befinden uns in einer auslaufenden Hochkonjunkturphase. Dass es der Notenbank nicht gelungen ist, in einer solchen Situation die Zinsen so weit hochzubringen, dass es Spielraum für geldpolitische Reaktionen auf den beginnenden Abschwung gibt, ist eine Katastrophe.

Die Amerikaner haben es nach der Krise geschafft, den Leitzinssatz wenigstens auf 2,25 bis 2,5 Prozent zu bringen. Wenn die IWF-Aussagen stichhaltig sind, wonach die Bekämpfung einer Rezession Leitzinssenkungen zwischen zwei und drei Prozent erfordert, dann ist die US-Notenbank Fed einigermaßen manövrierfähig. Die EZB nicht, denn sie muss sofort in die Negativzinsen gehen. Mit allen Verwerfungen, die damit zusammenhängen.

Die praktizierte Nullzinspolitik samt „Gelddrucken“ per Staatsanleihenkäufen war im Anschluss an den Crash von 2008 sicher alternativlos. Aber dieses Krisenszenario müsste seit Jahren beendet sein. Dass das nicht geschehen ist, steigert das Gefahrenpotenzial für den nächsten großen Crash ins Unermessliche.


Ganz einfach deshalb, weil Staaten, Banken und auch Privatunternehmen die Nullzinsphase nicht für Strukturreformen genutzt, sondern als bequemes Faulbett verwendet haben. In diesem unnatürlichen Umfeld wurde sozusagen die natürliche Auslese im Wirtschaftskreislauf ausgeschaltet.

Mit dem Ergebnis, dass wir jetzt eine Menge Staaten, Banken und Unternehmen haben, denen eine vernünftige Zinserhöhung sofort das finanzielle Lebenslicht ausblasen würde. Es gibt Schätzungen, dass in der EU bereits 15 Prozent der Unternehmen „Zombiefirmen“ sind. Also solche, die in einem normalen Zinsumfeld nicht existieren könnten.

Wenn solcherart die natürliche Auslese behindert wird, muss die Volkswirtschaft strukturell immer mehr kränkeln. Und je größer dieser Zombiesektor jetzt wird, desto schwerer kommt die Notenbank aus ihrer Nullzinsfalle wieder heraus. Weil vernünftige Zinsen schnell einen Dominoeffekt auslösen könnten, gegen den sich die letzte Finanzkrise richtig putzig ausnimmt.

Die finanzielle Repression ist also gekommen, um zu bleiben. Sie wird sich eher verschärfen. Und die Risken nehmen mit jedem Jahr weiter zu. Kurzfristig kann man sie mit „Gelddrucken“ à la EZB durchaus zudecken. Aber die Geschichte hat gezeigt, dass forcierte Geldschöpfung aus dem Nichts allein noch nie zu Wohlstand, sondern mittelfristig immer in die Katastrophe geführt hat. Und darauf, dass die wirtschaftlichen Naturgesetze nicht mehr gelten, sollte man nicht vertrauen. Das ist schon öfter schiefgelaufen.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2019)

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