Die Umwelt und ein Gesslerhut namens SUV

Autoindustrie und Umweltschützer führen gerade vor, was passieren kann, wenn der Gesellschaft die Fähigkeit zum Kompromiss abhandenkommt.

Normalerweise ist die Internationale Automobilausstellung in Frankfurt ein Hochamt für Benzinbrüder. Doch dieses Jahr wird die morgen beginnende weltgrößte Automobilmesse wohl über die Grenzen der Branche hinaus Bedeutung erlangen: als Studienobjekt für die zunehmende Spaltung der Gesellschaft, der die Kompromissfähigkeit auf allen Ebenen und Gebieten abhandenzukommen scheint. Eine sehr gefährliche Entwicklung.

Was es dort zu studieren geben wird? Beispielsweise die Mechanismen, die eine sinnvolle und notwendige Umweltdiskussion zunehmend ins religiös-totalitäre Fahrwasser abdriften lassen. Und auf der anderen Seite die erstaunliche Unflexibilität einer für die Gesamtwirtschaft extrem wichtigen Branche, die an ihrem eigenen Starrsinn zu scheitern droht und die ihre gewaltige Innovationskraft weiterhin eher dafür einsetzt, den notwendigen Wandel unter Einsatz großer Werbemittel möglichst lang hinauszuzögern, statt diesen aktiv in die Hand zu nehmen.

Der Gesslerhut, um den es geht, heißt SUV: jene Kategorie von auf Geländewagen machenden klotzigen Stadtautos, die derzeit die Verkaufshitparaden anführt und auf der anderen Seite Umweltschützer besonders heiß laufen lässt. Der Markt will es, sagt die Autoindustrie und verweist auf Marktanteile. In Deutschland war heuer schon jedes dritte neu zugelassene Auto ein SUV.

Der Markt wird aber auch entsprechend aktiv aufbereitet: Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts Nielsen entfallen mehr als die Hälfte der gesamten Werbeausgaben der Branche auf diese Kategorie. Ist auch legitim und aus Industriesicht verständlich: Die Margen sind nun einmal bei SUVs besser als bei Kleinwagen.

SUVs sind ökologischer Wahnsinn, sagen wiederum Umweltschützer. Und haben natürlich auch nicht ganz unrecht: Hohe, kastenförmige Fahrzeuge brauchen allein aufgrund des Luftwiderstands mehr Sprit als kleine, windschlüpfrige. Ein Argument, um zuletzt wieder verstärkt auf Fahr- oder Verkaufsverbote für SUVs zu drängen.

Womit wir wieder bei der intellektuellen Qualität mancher Umweltdiskussionen sind: Fahrverbote nicht am Schadstoffausstoß, sondern an der Bauart festzumachen, würde beispielsweise bedeuten, dass ein Toyota Rav4 (CO2-Ausstoß: 127 Gramm pro Kilometer) nicht mehr fahren darf, ein Bentley Continental GT (388 Gramm pro Kilometer) aber schon. Ist ja kein SUV. Klingt einleuchtend und durchdacht, oder?

In Frankfurt prallen diese beiden Welten in dieser Woche aufeinander: Die Autoindustrie wird ihre Stände unverdrossen mit vielen SUVs schmücken. Und die Umweltschützer werden davor demonstrieren.

Eine Möglichkeit, die beiden Seiten zusammenzubringen, böte die (von privaten Kunden bisher freilich weitgehend verschmähte) Wende hin zur Elektromobilität. Genau diese Chance wird aber von der Industrie ganz offensichtlich nicht genutzt: Die ersten wirklich von Grund auf neu konzipierten und groß beworbenen deutschen Elektroautos sind – richtig – riesige SUVs mit Luftwiderstandswerten von Schrankwänden, die auf 100 Kilometern bis zum Siebenfachen des durchschnittlichen Tagesstrombedarfs eines Haushalts aus der Batterie ziehen. Das kann wohl nicht der Sinn einer Mobilitätswende sein.

Dass potenzielle Käufer angesichts dieser Lage verunsichert sind und sich zurückzuhalten beginnen, ist jetzt nicht weiter verwunderlich.

Insgesamt schlittern wir damit in die Situation, dass der Druck auf Fahrverbote, zusätzliche Steuern und andere staatliche Eingriffe in die private Mobilität größer wird und auf der anderen Seite die Gefahr steigt, dass eine der wichtigsten Industrien durch Strafzahlungen für die Verfehlung der CO2-Vorgaben in die Enge getrieben wird.

Bezahlen wird diesen unter anderem durch fehlende Kompromissfähigkeit entstandenen Pallawatsch letztendlich wie immer die Bevölkerung. Die ist das Opfer einer Entwicklung, die den Pragmatismus aus Europa vertrieben hat.

E-Mails an: josef.urschitz@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.09.2019)

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