Der große Coup in der Nationalbibliothek

Google zahlt 30 Millionen Euro für die Digitalisierung des österreichischen Bücherschatzes. Ein Sieg für Online.

Seit einigen Wochen fürchten sich Bürger, die sensibel für den Datenschutz sind: Google fährt unermüdlich durch alle Straßen und schaut in unsere Schlafzimmer. Wird man bald online sehen können, was der Nachbar so treibt oder gar besitzt? Jetzt sind diese mathematisch begabten Neureichen aus Mountain View, Kalifornien, mit ihrem universalen Sendungsbewusstsein auch noch in ein richtiges Heiligtum der Bibliophilen eingedrungen – mitten am Tag, in die Österreichische Nationalbibliothek. Von dort werden sie im Laufe der nächsten sechs Jahre 400.000 Bücher ausleihen, nach Bayern exportieren, in eine gefinkelte Maschine stecken und digital kopieren.

Ja, dürfen s' denn des? Aber ja, alles legal! ÖNB-Generaldirektorin Johanna Rachinger ist sogar sehr zufrieden. Dieser Coup in der Nationalbibliothek erspart ihr 30 Millionen Euro, bringt sie in die digitale Avantgarde und schafft den Lesern und Wissenschaftlern weltweit wesentlich erleichterte Lese- und Arbeitsbedingungen. Was früher in den besten Bibliotheken physisch mühsam zusammengeklaubt werden musste oder gar nicht zur Verfügung gestellt wurde, ist jetzt nur einen Mausklick entfernt. Das wird die Forschung beschleunigen, ein neues Licht auf den Bestand der besten Häuser werfen und die Lesesäle entlasten. Wer noch mithilfe von Zettelkästen ergründen musste, was Weltbewegendes über „Das Insekt bei Goethe“ geschrieben wurde, wer wissen wollte, ob Schopenhauer Hegel erwähnt hat und in welchem Kontext oder warum auch nicht, weiß: Es kommen goldene Zeiten für die Philologie.


Die von Google massiv geförderte Digitalisierung wird aber auch die Schattenseite von Copy&Paste stärken. Abschreiben und Raubdrucken ist ebenfalls nur einen Mausklick entfernt. Womit wir bei der Kosten-Nutzen-Rechnung sind. Warum macht Google das? Aus Menschenfreundlichkeit? Weil Mitgründer Larry Page vor einem von ihm gebauten Scanner die Idee kam, „alle Bücher der Welt“ dort einzulesen? Was hat das Milliardenunternehmen sonst noch davon?

Nun, vor allem ziemlich viele Informationen: über unsere Interessen, unsere Vorlieben, unsere Ausdauer beim Lesen, unsere Gewohnheiten. Jemand mit der IP-Adresse von Computer X borgt sich zehn Bücher über die Toskana aus, berechnet in Google Maps die Route von Meidling bis Lucca, googelt teure Weinbars – vielleicht sollten wir ihm ein Angebot über eine Kiste Chianti zusenden?

Das mag weit entfernt sein vom allgemeinen Nutzen der Digitalisierung einer öffentlichen Bibliothek, noch dazu, wenn es um längst abgelaufene Rechte geht, aber gerade bei der Verknüpfung von öffentlichem Gut und privaten Interessen muss man doch auch die Frage stellen, wem diese Daten, wem dieses Wissen letztendlich gehören wird. Google hatte aufsehenerregende Klagen wegen des Urheberrechts, man hat sich verglichen, die Verteilungskämpfe über Vergütungen werden aber sicher fortgesetzt. In den USA und Großbritannien verweigern weiterhin tausende Autoren die Einigung.


Die Verantwortlichen in der Nationalbibliothek sind aber vernünftig vorgegangen, lassen einstweilen nur Werke digitalisieren, die vor 1850 erschienen sind. Das Datum liegt weit genug vor dem derzeitigen Urheberrecht, das 70 Jahre nach dem Tod des Autors erlischt. Eine Klage, weil die Bibliothek Google ihre Depots zugänglich gemacht hat, ist also nicht zu erwarten. Deshalb befinden sich sowohl die weltweit renommierte österreichische Kulturinstitution als auch der Weltkonzern aus den USA in einer Win-win-Situation. Unverkrampft kann man in den nächsten Jahren üben, was die Vorzüge des Internets bringen – zumindest einen Sieg für Online.

Wer weiterhin skeptisch ist, was Google mit den Daten vorhat, kann sich mit einfachen Vorkehrungen am PC schützen. Die Gefahr, bei der Lektüre der Briefe von Prinz Eugen ausspioniert zu werden, ist geringer als jene, wenn man exzessiv googelt, um zu erfahren, was ein „Laufhaus“ sei, und ob es dazu auch Videos gibt. Wer aber unbehelligt von amerikanischen Wissensmissionaren revolutionäre Literatur aus dem wilden 18. oder dem skrupellosen 19. Jahrhundert lesen will, kann die Homepage von Google umgehen und dafür die Digitale Bibliothek der Österreichischen Nationalbibliothek benutzen. Dort wird man zwar anonym bedient und nicht so freundlich wie im Lesesaal in der Hofburg, aber alles bleibt diskret, und der Benutzer wird auch weder für Eselsohren noch für Markierungen im Text zur Rechenschaft gezogen.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2010)

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