Strache ist nicht Sarrazin

Der Wiener FPÖ-Kandidat vergleicht sich mit dem deutschen „Skandalautor“. Er weiß nicht, was er tut.

Heinz-Christian Strache, der Bürgermeisterkandidat der Wiener FPÖ, lässt sich in den Inseraten seiner Kampagne zur Gemeinderatswahl am 10.Oktober mit Thilo Sarrazin vergleichen. Beide würden aus einem einzigen Grund politisch verfolgt: weil sie die Wahrheit sagen, die keiner hören will. Das ist eine, wenn auch nicht überraschende, so doch besondere Form der Niedertracht.

Denn Thilo Sarrazin hat ein Buch geschrieben, dem umfangreiches Quellenstudium vorausging. Über die Qualität dieser Quellen kann man, wie im Falle der umstrittenen Arbeit „The Bell Curve“ von Charles Murray und Richard Herrnstein, streiten. Man mag auch die Schlussfolgerungen kritisieren, die der gerade aus dem Amt geschiedene Bundesbankvorstand aus diesen Lektüren vor dem Hintergrund seiner jahrzehntelangen Arbeit in politischen Stäben und Ämtern zieht. (Besonders lesenswert ist das am Freitag im Feuilleton der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ erschienene Streitgespräch zwischen Sarrazin und Frank Schirrmacher.)

Heinz-Christian Strache hingegen hat sich von seinen Reimeschmieden ein Inserat zusammenschustern lassen, dem ganz offensichtlich das ausführliche Studium der wienerischen Diskothekenszene samt Konsum aller dazugehörigen Substanzen vorausgegangen ist. Das ist ein wenig so, als würde man den im Vorjahr erschienenen Briefwechsel zwischen Michel Houellebecq und Bernard-Henri Levy („Volksfeinde“) mit der „Kronen Zeitung“-Kolumne von Michael Jeannée vergleichen.


Natürlich weisen die Reaktionen auf Sarrazin und auf Strache strukturelle Ähnlichkeiten auf. Deutschlands Politiker und Intellektuelle brachten in ihren wütenden Reaktionen auf den angeblichen Eugeniker und Biologisten Sarrazin eine profunde Verstörung zum Ausdruck. Sie haben Mühe zu verstehen, wie rasant und radikal sich ihre Gesellschaft unter dem Einfluss ungesteuerter Migrationsströme verändert hat. Sarrazin unternimmt diesen Versuch in einer Schonungslosigkeit und mit einer Risikobereitschaft, die das intellektuelle Stammpersonal nicht mehr aufbringen kann oder will.

Die Frage nach dem Verhältnis von „nature and nurture“, von ererbten und erworbenen Anteilen an Intelligenz und Charakter, birgt naturgemäß Sprengstoff. Nachdem einige Jahrzehnte die Sozialingenieure Universitäten und Feuilletons beherrschten, weil alles andere unter dem Generalverdacht der nationalsozialistischen Wiederbetätigung stand, lösten im abgelaufenen Jahrzehnt Evolutions- und Neurobiologie die Soziologie als Leitwissenschaft ab. Das brachte die etablierten Größen des intellektuellen Betriebs schwer in die Defensive. Außer einem eher schwachen Versuch von Jürgen Habermas, vor den noch nicht absehbaren Folgen einer liberalen Eugenik zu warnen („Die Zukunft der menschlichen Natur“), hat man zu dem Themenbereich nicht mehr viel gehört als die handelsüblichen Aufrufe zur Toleranz.

Und da kommt jetzt also einer wie Thilo Sarrazin und warnt davor, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient der Deutschen infolge der Zuwanderung massiv abnehmen werde. Dass er sich dabei vor allem auf die Zuwanderer aus Ländern der islamischen Welt konzentriert, fügt dem Vorwurf des Biologismus und der Eugenik auch noch jenen der Islamophobie hinzu.

Dabei sollte man das als Differenzierung lesen, als Beleg dafür, dass es eben nicht um eine eugenische Debatte geht, sondern auch und vor allem um eine kulturelle. Das geht aber nicht in einer Öffentlichkeit, die den Vorwurf der „Islamophobie“ ungefähr gleich handelt wie jenen des „Faschismus“. („Islam-Hasser“ steht derzeit auch hoch im Kurs.) Das ist eine besonders ironische Pointe, wenn man bedenkt, dass der politische Islam die mächtigste totalitäre Ideologie unserer Tage ist. Warum hat man eigentlich die Kritiker des realen Sozialismus nicht als „Breschnew-Hasser“ denunziert? Wer käme auf die Idee, die Aufklärer des 17. und 18. Jahrhunderts, die sich gegen die Herrschaft der katholischen Kirche über alle Lebensbereiche des Menschen auflehnten, oder auch die Kritiker des amtierenden Papstes als „Christophobiker“ zu beschimpfen?

Uns Österreichern steht eine Diskussion in dieser Qualität noch bevor. Hier dominiert ein ehemaliger Neonazi, der Wiener Bürgermeister werden will, das Thema. Der amtierende Bürgermeister wäre intellektuell zu so einer Debatte imstande, sieht aber keinen Anlass, die Grünen können aus ihrer Multikulti-Haut nicht heraus, und die ÖVP-Spitzenkandidatin sucht noch die goldene Mitte zwischen Ressentiment und Peinlichkeit. Viel Spaß bei der Wahl.


michael.fleischhacker@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.10.2010)

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