Gerechtigkeit für Sebastian Kurz

Darf's ein bisschen Klassenkampf sein? Die Ablehnung, der Hass und die Häme, die dem neuen Staatssekretär entgegenschlagen, sind rational kaum zu erklären.

(c) APA/HERBERT NEUBAUER (HERBERT NEUBAUER)

Leitartikel

Selten ist einem neuen Regierungsmitglied noch vor der Angelobung so viel Ablehnung – in den Internetforen auch Hass – entgegengeschlagen wie Sebastian Kurz. Journalisten, Migrations- und sonstige Experten, die sich dafür halten, arbeiten sich am 24-jährigen Neo-Staatssekretär ab.

Wie der Jugendforscher Bernhard Heinzlmaier am Donnerstag in den „Salzburger Nachrichten“: Kurz sei „fürchterlich uncharismatisch, kommt überheblich und borniert rüber“, meinte Heinzlmaier. Um dann noch nachzulegen: „Kurz ist der Typus des mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsenen Hietzingers. Solche Personen aus der Oberschicht lösen Ressentiments aus.“

Geht's noch? Woher muss denn für den Jugendforscher jenseits der fünfzig ein Politiker kommen, damit er von seinem Erscheinungsbild her die Lebensrealität der Jugend widerspiegelt? Und wieso muss er das überhaupt?

Winston Churchill kam im Schloss seines Großvaters, des 7. Herzogs von Marlborough, „mit dem goldenen Löffel im Mund“ zur Welt. Das hielt ihn später als Politiker – im zarten Alter von 27 war er bereits Parlamentsabgeordneter – nicht davon ab, sein Land und die Welt vor dem Faschismus zu retten.

Nun ist dieser Vergleich zugegebenermaßen ein wenig weit hergeholt. Aber ob jemand ein guter Politiker wird oder nicht, hängt nicht von seiner Herkunft und auch nicht von seinem Alter ab. Man kann das ohnehin erst immer retrospektiv beurteilen.

So gesehen hat Sebastian Kurz eine Chance verdient. Aber doch nicht in einem so heiklen Bereich wie der Integration, werden die Kritiker jetzt einwenden. Wieso nicht? Es weiß ja ohnehin keiner so genau, wofür wir ein Integrationsstaatssekretariat wirklich brauchen, und was so ein Integrationsstaatssekretär denn überhaupt genau können und tun soll. Die Einrichtung eines Integrationsstaatssekretariats ist in erster Linie einmal ein Eingeständnis, dass es mit der derzeitigen Integrationspolitik nicht zum Besten steht.

Und wieso die Integration bei uns in erster Linie als Thema für die NGOs gilt, deren Vertreter nun großflächig zu Wort kommen, muss einem auch erst einmal jemand erklären. Ein Migrant zweiter Generation türkischer/ex-jugoslawischer Abstammung in Wien hat wahrscheinlich in seinem ganzen Leben nie irgendetwas mit einer solchen NGO zu tun.

Dennoch wird man den – redlichen–Kritikern auch recht geben müssen: In Integrationsfragen hat Sebastian Kurz keine wirkliche Expertise. Sehr offenherzig hat Michael Spindelegger dies bei dessen Präsentation auch zugegeben, indem er erklärte, was Kurz für das Amt befähige: Er sei jung, und er sei Wiener. Das ist in der Tat ein wenig dürftig. Da wird man sogar dem Kommentator des „Standard“, jener Zeitung, die seit Tagen gegen Kurz regelrecht kampagnisiert, recht geben müssen: Dann könnte auch jeder Teamchef werden, der einmal ein Fußballmatch gesehen hat.

Die ÖVP-Überlegung, Sebastian Kurz ins Rennen zu schicken, liegt auf der Hand: der Partei ein jugendlicheres Image zu verpassen. Das ist ihr genauso misslungen wie der SPÖ. Denn auch für deren „Jungstars“ wie Laura Rudas oder Nikolaus Pelinka gilt dasselbe wie für Kurz– Ablehnung, Hass und Häme im Publikum, rational schwer nachvollziehbar. Wer jung ist und – anscheinend allzu offensichtlich – dazu steht, Karriere machen zu wollen, ist unten durch. Wer nicht schon mit 15Jahren geerdeter Marxist und in den Straßen der Außenbezirke aufgewachsen ist, dem fehlt die „street credibility“ in der Politik, der darf dort nichts werden.


Was bisher von Sebastian Kurz politisch überliefert ist – wenn wir den peinlichen „Geil-o-mobil“-Auftritt im Wiener Wahlkampf einmal beiseitelassen –, disqualifiziert ihn jedenfalls nicht für ein politisches Amt: Dass in Moscheen auf Deutsch gepredigt werden soll, dass Imame einen österreichischen Background haben sollen, dass das Pensionssystem zugunsten der Jungen reformiert gehört – ja, darüber kann, soll und muss man reden.

Früher gab es die Sitte der hundert Tage Schonfrist für Frischlinge. Es war keine schlechte Tradition.

 

E-Mails an: oliver.pink@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.04.2011)

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