Gender Trouble: Wie die „Queer-Theorie“ das Geschlecht umdeutet

Alle reden über „Gender“ – man sollte zumindest wissen, was feministische Dekonstruktivistinnen wie Judith Butler mit diesem Begriff anfangen.

Sprachlich Feinfühlige mögen protestieren, aber das Wort „gendern“ scheint sich durchzusetzen, allerorten wird „gegendert“. Was dieses Verb genau bedeuten soll, ist nicht so klar, eine praktikable Interpretation ist wohl: Man schaut darauf, dass Männer und Frauen in einem bestimmten Bereich, etwa beim Medizinstudium, die gleichen Chancen haben. Vielen Feministinnen ist das „Gendering“ in der Sprache besonders wichtig, eine Zeit lang galt das „Binnen-I“ (z.B. „LehrerInnen“) als geeignete Methode, um zu betonen, dass auch Frauen gemeint sind. (Im Englischen gibt es dieses Problem nicht: Ein „teacher“ kann ein Lehrer oder eine Lehrerin sein.)

In letzter Zeit wird in manchen feministischen Kreisen eine andere Schreibweise en vogue: der sogenannte „Gender Gap“, ein Unterstrich, der zwischen dem (männlichen) Plural und dem „innen“ steht, z.B. „Lehrerinnen“. Diese Schreibweise soll – wir zitieren aus Wikipedia – „ein Mittel der sprachlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten, auch jener der gesellschaftlich hegemonialen Zweigeschlechtlichkeit“ sein.

Dahinter steht eine Ideologie, die „Queer-Theorie“. Sie behauptet, dass geschlechtliche Identität nicht natürlich ist, sondern kulturell konstruiert wird – und wieder dekonstruiert werden kann. Die Queer-Theoretikerinnen lehnen meist auch die gängige Unterscheidung zwischen „sex“ (biologisches Geschlecht) und „gender“ (soziales Geschlecht) pauschal ab, für sie sind beide konstruiert. Sogar – gegen jede Evidenz – die anatomischen Unterschiede: Als Beispiele dienen hier oft Transsexuelle, bei denen das Geschlecht chirurgisch „konstruiert“ werde. Geschlecht sei ausschließlich eine soziale Kategorie, die dem Körper ein biologisches Geschlecht „einschreibt“, erklärt z.B. die US-Philosophin Judith Butler, eine Mutter der Queer-Theorie mit ihrem Buch „Gender Trouble“ (deutscher Titel: „Das Unbehagen der Geschlechter“).

Butler ist derzeit wegen israelkritischer bis -feindlicher Äußerungen im Gerede. Sie soll am 11.September in Frankfurt den Adorno-Preis bekommen, der Zentralrat der Juden in Deutschland hat dagegen protestiert: Es sei empörend, dass eine Frau ausgezeichnet werde, die zum Boykott Israels aufgerufen habe. Butler erklärte darauf, ihre freundlichen Worte über die Hamas und die Hisbollah seien „schrecklich“ missverstanden worden, sie lehne jede Gewalt ab. Im Feuilleton der „Welt“ macht nun Marko Martin darauf aufmerksam, dass Butler mit Israel „ausgerechnet jenes Land, in dem ihre Thesen gelebt werden“, boykottieren will: Transsexuelle können in Israel unbehelligt leben; im Einflussbereich der Hamas dagegen, so Martin, „stoßen Homosexuellen tödliche ,Unfälle‘ zu, sofern es ihnen nicht gelingt, sich illegal nach Israel hineinzuretten“. Es ist zu hoffen, dass sich Butler im Rahmen ihrer Würdigung zu solchen Fragen noch äußern wird.

Jeder, der über „Gender“ spricht, sollte indessen wissen, was Butler und Mitstreiterinnen unter diesem Begriff verstehen. Dass sie anderes wollen als „nur“ Gleichberechtigung. Es kommt sonst in all den „Gender Studies“ zu Konfusionen.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.09.2012)

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