Ranking-Rätsel: Warum ist Augstein der Judenfeind Nummer neun?

Das Simon-Wiesenthal-Center zählt den Sohn des „Spiegel“-Gründers zu den schlimmsten Antisemiten. Als Kronzeuge dient Polterpublizist Broder. Weshalb dieser Fehlgriff?

Es ist eine denkbar schlechte Gesellschaft. Da findet sich der iranische Präsident Ahmadinejad, der den Holocaust leugnet und den „Schandfleck“ Israel beseitigen will. Da tummeln sich die ägyptischen Muslimbrüder, deren Führungspersonal den Propheten anruft, auf dass er die Juden „zerstöre“. Weniger gefährlich, nicht weniger unappetitlich: Die Fans des englischen Fußballklubs West Ham United, die ihren Gegnern auf dem Feld „Ihr werdet morgen vergast“ entgegengrölen.

Und mittendrin: Jakob Augstein, deutscher Journalist und Herausgeber der Wochenzeitung „Der Freitag“. Sein Name findet sich auf Platz neun des aktuellen Rankings der zehn weltweit schlimmsten Antisemiten und Israel-Beschimpfer, die alljährlich von der Zentrale des Simon-Wiesenthal-Centers (SWC) in Los Angeles herausgegeben wird.

Was hat der Sohn des „Spiegel“-Gründers verbrochen, dass er mit einem solchen Bannfluch belegt wird? Er verurteilt in seiner Kolumne „Im Zweifel links“ auf Spiegel Online die unversöhnliche Haltung der Netanjahu-Regierung und ultraorthodoxer Juden im Nahost-Konflikt. Das tut er recht oft und leicht obsessiv.

Augstein dankt Günther Grass, der davor warnt, dass Israel als Atommacht den Weltfrieden gefährde. Er bezeichnet den Gazastreifen, einen „Ort aus der Endzeit des Menschlichen“, als Gefängnis und „Lager“, in dem Israel seine Feinde ausbrüte. Er hält die Ultraorthoxen für ähnlich bedrohlich wie islamische Fundamentalisten. Solche Kritik ist im Ton scharf und im Inhalt zuweilen überzogen. Sie ist nicht politisch korrekt, aber politisch konkret – und frei von antisemitischen Vorurteilen. Augstein pauschaliert, wenn es um die Regierung oder gesellschaftliche Gruppen geht. Aber er dämonisiert nie „die Juden“ als Volk. Kurios ist der Kronzeuge des SWC: Henryk M. Broder. Der Polterpublizist ist ein oft peinlicher, oft grenzgenialer Polemiker, also das Gegenteil eines weisen Gutachters, der Grenzfälle des kritischen Journalismus ausloten könnte. Zudem pflegt er eine herzhafte Fehde gegen Augstein. Kein Wunder, dass er den „kleinen Streicher“ – eine Anspielung auf den „Stürmer“-Herausgeber – gern auf der Liste noch weiter vorn sehen würde, „auf Platz drei etwa“. Das beeindruckt in den USA, nicht in Deutschland: Politiker von den Linken bis zur CDU, selbst der Zentralrat der Juden nehmen Augstein in Schutz.

Fragt sich nur: Welcher Teufel hat die Leute vom SWC bei diesem Fehlgriff geritten? Die einfachste Antwort: Sie sind Broder, dem Rumpelstilzchen des deutschen Feuilletons, auf den Leim gegangen. Die wahrscheinlichere: Hier wird Politik gemacht. Schon die ergänzende Fokussierung auf „antiisraelische“ Verunglimpfungen ist problematisch: Sollen damit eloquente Kritiker der Netanjahu-Regierung mundtot gemacht werden? Fast alles, was Augstein schreibt, könnte auch ein israelischer Oppositionspolitiker sagen. Gottlob ist das Land eine lebendige Demokratie, leider die einzige in dieser Weltgegend.

Die interessanteste Antwort: Die Deutschen hätten tatsächlich das, was der reisende Chronist Tuvia Tenenbom ihnen nachsagt: einen Schuldkomplex, aus dem sie sich durch die manische Fixierung auf Fehler Israels befreien. Seht her, die sind ja auch nicht besser als wir! Wir hatten Konzentrationslager, die haben das „Lager“ Gaza. Als geläuterte Hüter der Moral mischen wir uns überall ein, besonders aber in Israel. Ist das moderner Antisemitismus? Wenn ja, dann ist er harmlos, auch wenn er nervt. Nervtöter kann man ignorieren, belächeln, in die Schranken weisen. Es ist nicht fair, sie zu verdammen.

 

E-Mails an: karl.gaulhofer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2013)

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