Warum man das Wort "Eskimo" verwenden darf

Dass Völker andere Völker mit Namen bezeichnen, die nicht aus deren eigener Sprache kommen, ist nicht per se diskriminierend.

Warum Wort bdquoEskimoldquo verwenden
Warum Wort bdquoEskimoldquo verwenden
(c) AP (Stephan Savoia)

Einfühlsam und vielseitig hätten wir in der „Presse“ die Debatte über als despektierlich empfundene Wörter wie „Neger“ oder „Zigeuner“ geführt, lobte eine Leserin. Danke. Aber, so setzte sie gleich nach: „Die Presse“ bewerbe derzeit eine Winterreise mit dem Slogan „Abenteuer Iglu – Schlafen wie die Eskimos“; sei das Wort „Eskimo“ nicht auch bedenklich? Müsse man nicht korrekterweise „Inuit“ sagen?

Wir glauben: nein. Aus mehreren Gründen. Schon einmal, weil kaum Vertreter der arktischen Völker, die man unter „Eskimo“ zusammenfasst, in Österreich leben. Daher gibt oder gab es hier unseres Wissens keine Diskriminierung oder gar Verfolgung von Eskimos. In den USA und Kanada ist das anders, dort mögen Versuche, dieses Wort zu vermeiden, berechtigt sein. Allerdings hat der vorgeschlagene Ersatzbegriff „Inuit“ einen großen Nachteil: Er umfasst nur die Volksgruppe, die Inuktitut spricht, das ist eine Sprache aus der Gruppe der eskimo-aleutischen Sprachen. Die Volksgruppen der Yupik und Inupiat etwa wollen sich nicht als Inuit verstehen.

Dass das Wort „Eskimo“ überhaupt in den Geruch gekommen ist, diskriminierend zu sein, liegt wohl an einer Volksetymologie, an einer falschen Herleitung des Wortes. Es wurde von „aahkipok“, einem Wort aus der Sprache des Indianervolks Anishinabe, abgeleitet, das bedeutet „Rohfleischesser“, und das könnte despektierlich gemeint sein. Doch diese Ableitung gilt als überholt. Heute glauben die meisten, dass „Eskimo“ von „aayaskimeew“ kommt, das ist aus der Sprache der Cree, einem anderen Indianervolk Nordamerikas, und heißt „Schneeschuhflechter“. Ein Linguist leitet es auch aus einem Ausdruck für „Menschen, die eine andere Sprache sprechen“ ab.

Aber ist es nicht schon bedenklich, ein Volk mit einem Wort zu bezeichnen, das nicht aus seiner eigenen Sprache kommt? Nicht unbedingt. Gewiss sollte man Bezeichnungen vermeiden, die spöttisch gemeint sind, etwa „Hottentotten“, das mit dem Wort „stottern“ verwandt sein dürfte. So nannten die Buren die Khoi Khoi in Südafrika, weil sie ihre typischen Schnalzlaute als plump empfanden, ähnlich wie die alten Griechen, die Menschen, die nicht Griechisch sprachen, als Stotterer, als „barbaroi“ bezeichneten.

Ähnlich ist übrigens das Wort für „Deutsche“ in vielen slawischen Sprachen entstanden, z.B. „Niemiecki“ auf Polnisch. Das kommt von einem Wort für „Fremder“, das Etymologen von einem Wort für „stumm“ ableiten. Das hört man nicht mehr, es wäre absurd, das heute als despektierlich zu empfinden. Auch das französische „Allemands“ und das finnische „Saksa“ sind okay, obwohl sie ursprünglich nur für einen Teil der Deutschen stehen.

In diesem Sinn glauben wir, dass man guten Gewissens „Eskimo“ schreiben kann. „Iglu“ sowieso: Dieses Lehnwort kommt aus dem Inuktitut und heißt dort ganz unspektakulär „Haus“.

 

E-Mails an: thomas.kramar@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.01.2013)

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