Wie aus einem Dromedar eine „heilige Kuh“ wurde

Dummes Kamel? In Indien wird das Dromedar zum Staatstier – zum Unwillen der Muslime. Dabei verdankt ihm der Islam sogar die „Moschee“.

In allen möglichen westlichen Sprachen steht das Kamel für Eigensinn und Dummheit. Es hat sogar einer Satire- und Blödelversion von Wikipedia den Namen gegeben, der Kamelopedia. Ein „missgebildetes Geschöpf“ nennt ein „Leitfaden der Zoologie“ von 1912 dieses Tier, und der niederländische Schriftsteller Simon Carmiggelt sah es als „Tier, das am letzten Schöpfungstag zusammengestellt wurde, aus den Teilen, die noch übrig waren“. Das erhabene Bild vom „Wüstenschiff“ mag durch die europäische Orientbegeisterung ins Deutsche und andere Sprachen gekommen sein, aber, wie man sich denken kann, haben es die kamelverachtenden Europäer nicht erfunden – es stammt aus der arabischen Poesie.

Kein Wunder, im Vorderen Orient war und ist das Kamel – genauer, das einhöckrige Dromedar – eines der wichtigsten Nutztiere. Und auch in Indien ist es wichtig, bei den Hindus gibt es eigene Kasten, die der Legende nach von Shiva ausgewählt wurden, um auf die Kamele aufzupassen.

Nun hat der indische Bundesstaat Rajasthan das Dromedar sogar als Staatstier unter Schutz und damit fast der heiligen Kuh gleichgestellt. Ein nationalistischer Schachzug – tatsächlich ist das für das touristische Image so wichtige Dromedar bei den Hindus kein wirklich heiliges Tier. Aber erstens hat sich die Zahl der Dromedare in Rajasthan in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verringert (von fast einer Million im Jahr 1997 auf gute 300.000 heute), und zweitens hat die Regierung mit dem neuen Gesetz speziell eine Bevölkerungsgruppe im Visier: die Kamelfleisch essenden Muslime.

Was nicht heißt, dass Kamele im Islam geringgeschätzt würden, ganz im Gegenteil: Anders als im Judentum gilt ihr Fleisch als rein. Wenn im Koran von der Erschaffung der Welt die Rede ist, wird als erstes gnadenreiches Tier das Lasttier genannt, „das eure Lasten zu Ländern (trägt), die ihr nicht erreichen könnt“. In der 88. Sure wird die Erschaffung der Kamele mit der Entstehung von Himmel und Erde in einem Atemzug genannt, als Zeichen für die Größe Gottes.

Ja, sogar die „Moschee“ lässt sich auf das Kamel zurückführen. Das zugrunde liegende arabische Wort „Mas-djid“ kommt von der Bezeichnung für das Niederkauern eines Kamels; erst im Islam bekam es die Bedeutung „sich zum Gebet niederwerfen“. Der Legende nach entschied ein Kamel sogar darüber, wo die erste Moschee stehen sollte. Um beim Standort seines Hauses mit angrenzendem Gebetshaus keine Stämme zu bevorzugen, schickte Mohammed sein Kamel aus, um den Platz „auszusuchen“.

Die schönste religiöse Kamelerwähnung bleibt aber doch das neutestamentliche Gleichnis vom Kamel, das eher durch ein Nadelöhr geht, als dass ein Reicher ins Reich Gottes gelangt. Aber siehe da, auch der Koran hat es aufgegriffen: Alle, „die unsere Zeichen der Lüge zeihen ... werden nicht eher ins Paradies eingehen, als ein Kamel durch ein Nadelöhr geht“ ...

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2014)

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