Die Political Correctness frisst ihre Kinder

Kolumne Das mit jakobinischem Eifer betriebene Verfolgen angeblicher Kränkungen bringt viele Linke zum Schweigen.

Am Montagabend hätte die feministische Komikerin Kate Smurthwaite am Goldsmith's College in London auftreten sollen. Smurthwaite vertritt den Standpunkt, dass Prostitution – genauer: das Kaufen von Sex – strafrechtlich zu verbieten sei. Das widerspricht allerdings der Sichtweise der Feminist Society von Goldsmith's, die sich im Interesse der Prostituierten für die Legalisierung von deren Arbeit ausspricht. Aus Protest gegen Smurthwaites Ansichten kündigten einige feministische Studentinnen an, ihren Auftritt stören zu wollen. Die Show wurde „aus Sicherheitsgründen“ abgesagt. Smurthwaite ist erschüttert: „Das Seltsamste daran ist, dass es in meiner Show gar nicht um Prostitution geht. Ich erwähne sie kein einziges Mal. Aus einem enorm ironischen Zufall geht es in meiner Show um Redefreiheit, ihre Macht und ihren Missbrauch.“

Diese Episode ist beispielhaft für ein Phänomen, das vor allem an angelsächsischen Hochschulen wieder an Fahrt aufnimmt. Die Vertreter der Political Correctness, die mit heißem Eifer jede noch so kleine echte oder angebliche Diskriminierung verfolgen, ersticken den akademischen und, kraft der Unmittelbarkeit, die Twitter und Facebook verschaffen, medialen Ideenaustausch. Und es sind zusehends linke und liberale Stimmen, die darum verstummen.

„Es gibt so viele Landminen, auf die man heute treten kann“, schreibt der linke Autor Fredrik deBoer. „Ich bin nicht allein mit meinem Gefühl, dass es typischerweise nicht wert ist, sich angesichts der Risken einzumischen.“ Vergangene Woche hat Jonathan Chait im „New York Magazine“ eine 4808 Wörter umfassende Generalkritik an der neuen Radikalisierung der P. C. veröffentlicht. „Das ist ein politischer Stil, mit dem die radikaleren Mitglieder der Linken versuchen, den Diskurs zu regulieren, indem sie entgegengesetzte Meinungen als borniert und illegitim abkanzeln“, hielt er fest. „Die P.-C.-Kultur lässt es nicht zu, dass Anschuldigungen auch falsch sein könnten. Sie macht Debatten irrelevant und oft unmöglich.“

Bisweilen hat das skurrile Folgen; Eine Theatergruppe am Mount Holyoke College in Massachusetts beispielsweise führt Eve Enslers „Vagina-Monologe“ nicht mehr auf, weil dieses Stück Frauen ohne Vagina diskriminiere. Dramatischer ist jedoch die selbstzerstörerische Kraft der P. C., wie sie sich in der Facebook-Gruppe Binders Full of Women Writers offenbart: Als Plattform zur Vernetzung feministischer Autorinnen gedacht, brachen rasch fanatische Streitereien um angebliche Diskriminierungen aus.

Amerikas Linke ist ob dieser Kannibalisierung perplex: „Ich will eine Linke, die gewinnen kann“, lamentiert DeBoer. „Und das ist unmöglich, solange die existierende Linke mögliche Verbündete mit rasender Geschwindigkeit vergrault.“

E-Mails an: oliver.grimm@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.02.2015)

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