Marginalie: Die Legende der verfolgten Lesben

Man kennt keinen Fall, in dem eine Frau aufgrund ihrer sexuellen Orientierung inhaftiert worden wäre.

Wie lesbisch muss ein Denkmal für die unter Hitler verfolgten Homosexuellen sein? Jahrelang hat in Deutschland ein skurriler Streit um diese Frage stattgefunden, und nun geht er wieder los: Denn am Homosexuellenmahnmal in Berlin soll ein Video mit zwei küssenden Männern gegen eines von zwei küssenden Frauen ausgetauscht werden. Vor „Geschichtsklitterung“ warnen nun die Leiter der deutschen KZ-Gedenkstätten sowie etliche weitere Verbände und Personen in einem offenen Brief an den deutschen Kulturstaatsminister. Dass „lesbische Frauen im Nationalsozialismus individueller Verfolgung ausgesetzt gewesen seien“, sei nämlich „historisch nicht zu belegen“.

Tatsächlich ist Diskriminierung nicht gleich Verfolgung – und die Lesbenverfolgung im Nationalsozialismus eine Legende. Die Historiker kennen keinen einzigen Fall in Deutschland, in dem eine Frau aufgrund ihrer sexuellen Orientierung inhaftiert worden wäre (und nicht etwa, wie die lesbische Jüdin Mary Pünjer, aufgrund von Herkunft und „Rassenschande“). Zwar existiert die Geschichte einer lesbischen Potsdamer Frau, die schließlich in das Lagerbordell Flossenbürg verschleppt wurde, sie gründet sich aber ausschließlich auf den Bericht eines Überlebenden. Es gibt auch keine Belege für die Behauptung, dass lesbische Frauen unter anderen Vorwänden – zum Beispiel als „Asoziale“ – in Konzentrationslager gebracht worden wären. Schwule Beziehungen wurden in Deutschland unter dem Homosexuellenparagrafen strafrechtlich verfolgt, lesbische nicht. Lesben wurden gesellschaftlich diskriminiert, Schwule „freiwillig“ kastriert, medizinischen Versuchen unterzogen, gefoltert, ermordet. Ein großer Unterschied.

Aber historisch korrekt und politisch korrekt sind eben nicht ein und dasselbe, und wo die Angst vor Diskriminierung umgeht, werden Unterschiede überhaupt tabu. Nichts könnte das besser illustrieren als die bizarre Debatte rund um das Denkmal im Berliner Tiergarten. Als das dänisch-norwegische Künstlerduo Michael Elmgreen und Ingar Dragset seinen Entwurf erstmals der Öffentlichkeit präsentierte – ein Betonquader mit eingelassenem Fenster, in dem ein Film mit zwei einander küssenden Männern gezeigt wird –, titulierte die Zeitschrift „Emma“: „Wieder einmal die Frauen vergessen“ und veranstaltete eine Unterschriftenkampagne gegen den Entwurf. Schlussendlich einigte man sich auf einen Kompromiss: Die zwei küssenden Männer sollten nach zwei Jahren ausgetauscht werden – gegen zwei küssende Frauen.


Aber nicht genug damit. Obwohl die Künstler das Bild der küssenden Männer auf den Einladungskarten zur Mahnmalübergabe 2008 vorgesehen hatten („als Teil des künstlerischen Konzepts“), fehlte es auf den verschickten Karten. Begründung eines Sprechers im verantwortlichen Kulturstaatsministerium: Man habe die Frauen nicht ausgrenzen wollen. Fast könnte man sich wundern, dass noch niemandem eingefallen ist, das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus nach Geschlechterquoten zu organisieren...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.03.2010)

Kommentar zu Artikel:

Marginalie: Die Legende der verfolgten Lesben

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen