Marginalie: Häupls US-Berater auf Wien-Tour

Stanley Greenberg bekommt für die Beratung der Wiener SPÖ nur Opernkarten, Kost und Logis. Sagt er.

Er plauderte dann doch nicht aus dem Nähkästchen. Stanley Greenberg verdient sein Geld mit Analysen, dem Auswerten und Durchführen von Umfragen und daraus resultierenden Anleitungen für Kampagnen, nicht mit launigen Anekdoten und der Rezeptsammlung „How to become a spin doctor“. Am Donnerstagabend saß er an der Seite der „Presse“-Kolumnistin Annelise Rohrer und des Politik-Analysten Thomas Hofer, um über Phänomene wie Dirty Campaigning und Story Telling eines politischen Kandidaten zu diskutieren. Dass er sich beim Thema Wiener Wahlkampf zurückhielt, war klar. Immerhin lauschten ihm auch nicht wenige Mitarbeiter seiner Auftraggeber, der Wiener SPÖ, bei der Veranstaltung im Wiener Hotel Sacher, die eigentlich die Präsentation von Thomas Hofers Buch „Die Tricks der Politiker“ war. Hofer selbst übernahm dann auch die Einschätzung des Wiener Wahlkampfs und streute der aktuellen Politik der SPÖ Rosen – und damit auch Greenberg. Mit den integrations- und sicherheitspolitischen Maßnahmen im Gemeindebau und anderswo (von den neuen Ordnungstrupps über Mediatoren bis hin zur Propagierung einer Wiener Hausordnung) habe Michael Häupl deutlich Terrain von der FPÖ zurückgewonnen. Hofer bemühte als Figuren im Drehbuch der politischen Inszenierung von Michael Häupl einerseits und Heinz-Christian Strache andererseits große Vorbilder: Während der FPÖ-Chef einmal mehr Robin Hood im Kampf gegen den bösen Sheriff von Nottingham spiele, sei Häupl wie der Zauberer Gandalf aus dem Herrn der Ringe, der auf den Mauern des Rathauses den Angriff der Orks aufhalte.

Schöne Worte für Greenberg, der sich gern als Kämpfer gegen den Rechtspopulismus sieht – in dem er den in Bedrängnis geratenen linken Parteien empfiehlt, Themen wie Sicherheit und Ausländer ernst zu nehmen und Lösungen anzubieten. Für Häupl arbeitet der frühere Uni-Professor, der schon Bill Clinton, Nelson Mandela, Tony Blair und Gerhard Schröder erfolgreich beraten hat, diesmal de facto gratis. Greenberg hat Häupl laut eigenen Angaben nämlich nie vergessen, dass sich der Bürgermeister öffentlich vor ihn stellte, als ihn Jörg Haider 2001 abfällig „Berater von der Ostküste“ nannte und damit bewusst antisemitische Stereotype verwendete. Greenberg hatte damals auch in einem viel beachteten Text in der „New York Times“ beschrieben, wie er selbst plötzlich Thema des Wiener Wahlkampfs worden war. Daher arbeite er für Kost und Logis – sowie Opernkarten. Nach dem 10.Oktober hat die Oper auch wieder offen. no

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.07.2010)

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