Das Weihnachtswunder war nur Weltraumschrott

In Deutschland, Belgien, Frankreich erleuchtete ein glühender Schweif den Himmel des Heiligen Abends. Und keiner dachte ans Christkind.

 

Es war 44 vor Christus und Oktavian – der spätere Kaiser Augustus – veranstaltete Festspiele zu Ehren des eben ermordeten Julius Cäsar. Just da erschien für sieben Tage ein heller Komet am nordöstlichen Himmel – und wurde sogleich als göttliches Zeichen gedeutet: Cäsar sei, meinte die römische Bevölkerung, unter die Unsterblichen aufgenommen worden. Oktavian, sein Stiefsohn, ließ in der Folge Münzen prägen, die den Tempel des Cäsar auf dem Forum Romanum zeigen – am Giebel des Tempels erkennt man deutlich einen Stern.

Es gibt Historiker, die der Meinung sind, dieser Komet habe das Vorbild für die spätere Legende des Sterns über der Krippe abgegeben. Andere glauben, der Evangelist Matthäus hätte an den Halleyschen Kometen gedacht, der 66 nach Christus zu sehen war, als der armenische König Tiridates zu Nero reiste, um sich ihm zu unterwerfen. Ein historisch bedeutsames Ereignis! Matthäus, wird vermutet, schrieb sein Evangelium einige Jahre später.

In all diesen Fällen ist der Komet ein gutes Zeichen, er steht für Herrschaft, Wohlgefallen, für das Göttliche. Aber es gibt auch die gegenteilige Sichtweise, wonach der Himmelskörper Gefahren ankündigt – oder gar selbst zur Gefahr wird. „Es ist nicht der Müh' wert wegen der kurzen Zeit. In ein' Jahr kommt der Komet, nachher geht eh' die Welt z'grund“, lässt Nestroy seinen Knieriem im „Lumpazivagabundus“ sagen.

Da oben hausen eben nicht nur die Götter – von dort kommt auch die Bedrohung: Als am Heiligen Abend dieses Jahres in weiten Teilen Deutschlands, aber auch in Belgien, den Niederlanden und in Frankreich ein rätselhafter Lichtschweif am Himmel auftauchte, löste das wenig Begeisterung aus. Und abgesehen von zahlreichen ironischen Kommentaren – „Das kommt davon, wenn Santa betrunken Schlitten fährt“ – hat kaum ein Deutscher das Phänomen mit der Geburt Christi in Verbindung gebracht. Stattdessen registrierten Polizei und Weltraumbehörde besorgte Anrufe. Kommt er wirklich, der Komet? Zwei Tage lang wurde darüber gerätselt, was da zwischen 17 und 18 Uhr verglüht war. Eine Sternschnuppe? Der Schweif war zu groß! Ein Feuerkugelbolide? Dafür leuchtete er zu lang! Vielleicht gar ein Ufo??

Die Lösung war banal und gar nicht weihnachtlich: Es handelte sich um die obere Triebstufe der Sojus-Rakete, die am Mittwoch in Kasachstan gestartet war und drei Astronauten planmäßig abgesetzt hatte. Die Überreste verglühten und waren als Lichtschweif zu sehen, der sich fast horizontal über den Himmel zog. Aufnahmen des Phänomens sind hundertfach auf YouTube zu sehen – und zu hören. „Geil!“, ruft der eine. „Wahnsinn!“, der andere. Nur einer denkt an Bethlehem – und dem war assoziativ auf die Sprünge geholfen worden: Im Hintergrund spielt eine Blasmusikkapelle Weihnachtslieder.

 

E-Mails: bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.12.2011)

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