„Das Wort Rom beleidigt mich, nenn mich Zigeuner!“

Ein deutscher Schriftsteller hat auf dem Balkan recherchiert und meint nun: Das Wort „Zigeuner“ ist zu Unrecht verpönt.

 

Im rumänischen Dörfchen Rosia wurde vor einiger Zeit eine Waldorfschule zur Förderung von Roma-Kindern errichtet, Eltern meldeten ihre Kinder an – und wieder ab. Sie hatten Zeitungsberichte darüber gelesen und meinten empört: „Wir sind keine Roma. Wir sind Tzigani.“ Roma, das seien kriminelle Clans, mit denen wollten sie nichts zu tun haben.

Verkehrte Welt: In Österreich gilt als gut, wer „Roma“ sagt, und böse, wer „Zigeuner“ sagt. Die meisten Deutschen und Österreicher haben heute den angeblich politisch korrekten Begriff „Sinti und Roma“ (in Österreich „Roma und Sinti“) verinnerlicht, auch wenn die Wiener noch guten Gewissens ein Zigeunerschnitzel essen oder in die Oper zum „Zigeunerbaron“ gehen – beides übrigens Beispiele für positiv romantische Assoziationen mit diesem Wort.

Das Wort „Zigeuner“ sei aber zu Unrecht verpönt, schreibt Rolf Bauerdick in der „Welt“. Er habe auf Balkan-Reisen viele Menschen getroffen, die stolz darauf pochen, „Zigeuner“ zu sein – oder „Tziganes“, „Gitanos“, „Cigány“, „Zingaros“ etc. Bauerdick zitiert die rumäniendeutsche Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller: „Ich bin mit dem Wort ,Roma‘ nach Rumänien gefahren und bin damit überall auf Unverständnis gestoßen. ,Das Wort ist scheinheilig‘, hat man mir gesagt, ,wir sind Zigeuner, und das Wort ist gut, wenn man uns gut behandelt.‘“ Ähnlich erging es dem Autor Franz Remmel, den das Oberhaupt der rumänischen Zigeunerfamilien ermahnte: „Sagst du zu mir Rom, dann beleidigst du mich. Nennst du mich Zigeuner, dann sprichst du mir zu Herzen.“

Dennoch hat sich der Begriff „Roma“ international durchgesetzt (in Deutschland und Österreich mit „Sinti“ ergänzt); denn Bürgerrechtsbewegung und Interessenverbände tabuisierten seit den 1970er-Jahren das Wort „Zigeuner“ als negative Fremdzuschreibung und rassische Diskriminierung. Als der NDP-Abgeordnete Tino Müller im Schweriner Landtag von „Zigeunern“ sprach, protestierte die Vorsitzende der „Sinti Allianz Deutschland“, Natascha Winter: nicht wegen des Wortes, sondern weil Müller darauf das Mikrofon abgeschaltet wurde. Nur für eine Minderheit von Opferverbänden sei der Begriff „Zigeuner“ ein Thema, sagte sie.

Bauerdick erzählt von stolzen Künstlern wie dem Flamenco-Sänger Cameron de la Isla („Soy gitano“), von Grabinschriften mit den Attributen „Zigeunerprinzessin“ oder „Präsident der Zigeuner“. Man findet auch in Österreich Belege, so nennen sich viele burgenländische Roma gern „Zigeuner“. In einem Buch des Czernin Verlags („Leben, glauben, feiern“) verwendet der Ungar Istvá Burján, wenn er von seiner Kulturgemeinschaft erzählt, ausschließlich dieses Wort – und der Verlag steht dazu: „Die Zigeuner nennen sich selbst so.“

 

anne-catherine.simon@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.01.2012)

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