Schuldenschnitt 2.0: Anonymous droht der griechischen Regierung

„Operation Greece“: Anonymous fordert den Abzug des IWF aus Griechenland – und will die Steuerschulden der Bürger „einfach löschen“.

Schuldenschnitt? Welcher Schuldenschnitt? Die Reduzierung der griechischen Staatsschulden gilt als Voraussetzung dafür, dass das Land wieder auf die Beine kommt. Trotz der positiven Schlagzeilen der vergangenen Tage ist über eine endgültige Einigung zwischen dem Land und seinen Gläubigern aber noch nichts bekannt. Eine Reihe von Hedgefonds wehrt sich seit Wochen gegen die Beschneidung ihrer Forderungen. Auch Charles Dallara, der Direktor des Bankenverbandes IIF, räumte am Dienstag in einem Interview mit der BBC ein: Diese Hedgefonds könnten das Auslösen der Kreditausfallversicherungen CDS erzwingen, was ihnen – theoretisch – nicht nur einen Teil, sondern das ganze investierte Geld wiederbringen würde. Theoretisch, weil niemand wirklich weiß, was passiert, wenn die CDS schlagend werden. Dallara blieb gegenüber der BBC in dieser Frage kryptisch bis apokalyptisch: „Wenn zu viele Gläubiger in diese Richtung gehen, dann bricht das ganze System zusammen.“

Und die Hedgefonds sind nicht die einzige Gefahr für „das System“. Im Kampf gegen den umstrittenen Acta-Vertrag griff das Hackerkollektiv Anonymous schon Anfang Februar die Website des griechischen Justizministeriums an. Nachdem die griechische Polizei wegen dieser Attacke am Dienstag drei Teenager verhaften ließ, legte Anonymous noch eines drauf. Im Rahmen der „Operation Greece“ wurde wieder die Seite des Justizministeriums „entstellt“. Diesmal fand Anonymous recht harsche Worte: „Wir beobachten jeden Tag, wie die Regierung die Verfassung abschafft. Wir sehen, wie ihr das Land an den IWF und die Banken ausliefert. Wir wissen alles.“

In Griechenland herrschen seit Monaten chaotische Zustände. Hunderttausende demonstrieren gegen die Sparpläne der Regierung. Immer mehr wächst auch die Wut auf jene Institutionen, die dieses Programm vorschreiben: EU, IWF und EZB – die sogenannte „Troika“. Erst vor zwei Wochen drohte sogar die Polizeigewerkschaft den Vertretern der Troika Haft an. Aber was das Hackerkollektiv jetzt vorhat, könnte alle bisherigen Rettungs- und Sparpakete für Griechenland platzen lassen. Weil die Sparpakete auch stetig steigende Steuern bringen, droht Anonymous jetzt, „das System abzuschalten“ und die „Steuerschulden aller Griechen einfach zu löschen“. Das Kollektiv richtet seine Forderungen direkt an die Regierung: „Wir werden der griechischen Bevölkerung keine weiteren Qualen zumuten. Wir verlangen euren sofortigen Rücktritt und Neuwahlen. Wir verlangen, dass ihr euren Gläubigerfreunden keinen Cent zahlt. Wir verlangen den sofortigen Rückzug des IWF aus Griechenland. Das Justizministerium ist nur ein Vorgeschmack auf das, wozu wir in der Lage sind. Ihr habt den vollen Zorn von Anonymous noch nicht erlebt.“

Niemand weiß, ob die Hacker wirklich in der Lage sind, die griechischen Steuerdaten zu „löschen“. Aber ein solcher „Schuldenschnitt 2.0“ würde der Regierung die Möglichkeit nehmen, zumindest theoretische Steuereinnahmen zu errechnen – und die verhassten Sparpakete wohl komplett aushebeln.

 

E-Mails an: nikolaus.jilch@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.02.2012)

Kommentar zu Artikel:

Schuldenschnitt 2.0: Anonymous droht der griechischen Regierung

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen