Wiens historisches Disneyland: Wird der Heldenplatz umgetauft?

150 Jahre Wiener Ringstraße lassen nachdenken: Wann beginnt eigentlich Österreichs Geschichte wirklich?

Nun ist sie tatsächlich hundertfünfzig Jahre alt geworden, die Wiener Ringstraße. Entsprechende Bücher und Broschüren – eine der besten, ich darf es wohl sagen, ist jene der „Presse“ – haben sie gewürdigt, eine hervorragende Ausstellung im Wien-Museum ist ihr gewidmet. In der Tat, sie ist ein Ring, der die City, den ersten Wiener Bezirk, umschließt. Jene Innenstadt, die am 12. März 1945 durch amerikanische Bomben verwüstet worden ist und seither in neuem Glanz erstand, das Goldene Quartier inklusive.

In neuem Glanz? Vorsicht! Die Verschandelung des historischen ersten Bezirks und vor allem auch der Ringstraße hat Ausmaße angenommen, die nicht nur in den Citybewohnern Überraschung und Staunen zur Erbitterung wachsen lassen. Reden wir nicht von der zunehmenden Zahl von Demonstrationen, denen der einstige Prachtboulevard zum Schauplatz geworden ist. Reden wir nicht von der verrückten Idee, den weltberühmten, von Palais gesäumten Straßenzug für den Verkehr überhaupt zu sperren. Reden wir auch nicht davon, dass die angrenzenden Plätze immer wieder zum Disneyland disqualifiziert werden.

Allein, es gibt auch ein historisches Disneyland. Eines, das, wenn die Pläne der Verantwortlichen realisiert werden, die wichtigste an der Ringstraße gelegene freie Verkehrsfläche, Heldenplatz genannt, zum ideologieverbrämten Feld werden lässt. Kulturminister Josef Ostermayer und sein Genosse im Geiste, der rote Zeithistoriker Oliver Rathkolb, siedeln die in der Hofburg ausgestellte Musiksammlung des Kunsthistorischen Museums ab, um darin das Haus der Geschichte zu etablieren. Rathkolb nennt es Geschichte der Republik. Man weiß, was gemeint ist.

Diesen Plänen zufolge soll auch der berühmt-berüchtigte Balkon der Heldenplatz-Front in die Ausstellung „integriert“ werden. Er wurde zusammen mit diesem Teil des (nie realisierten) Kaiserforums noch vor dem Ersten Weltkrieg errichtet. Tut nichts: Er ist durch die Hitler-Rede anno 1938 auf ewige Zeiten entweiht worden – bis Rathkolb, der mit der Historie umzugehen weiß, in einem „Kurier“-Interview kundtat, dass er den Heldenplatz „neu definieren“ wolle. Deswegen muss offenbar auch die Musiksammlung ihren Platz räumen. Welthauptstadt der Musik? Auch schon etwas!

Nein, das Gesamtkonzept des Heldenplatzes wird künftig ein anderes sein. Die Monumente von Prinz Eugen und Erzherzog Karl muten an wie Relikte – wos brauch' ma des! Eigentlich stören sie nur den Blick hinüber ins Parlament, in die rot-grüne Zukunft der Republik – oder? Das Hohe Haus wird ja demnächst umgebaut, und der Heldenplatz – wird er auch weiterhin, wenn ihn Professor Rathkolb neu definiert haben wird, so heißen? – wird zeitweilig Bürocontainer fassen müssen.

Nein, es darf kein Habsburger-Museum sein, dieses Haus der Geschichte, versichert Rathkolb. Österreich – das ist offenbar nicht Ostarrichi wie 996, das ist nicht 1529 und 1683, das ist nicht einmal 1848. Das sind Körner, Seitz und Renner – der SP-Wahlspruch beim ersten Urnengang 1945. Damals gewann freilich die ÖVP.
Indessen sind die einstigen Großparteien zu kleinen und eine seinerzeitige Kleinpartei ist zu einer größeren geworden. Und indessen ist auch das Geschichtsbild ein anderes. Wurde es entideologisiert oder re-ideologisiert? Vergessen wir die Zeit vor 1918. Dass auf dem Heldenplatz eine Jubiläumsvorstellung der Spanischen Hofreitschule stattfand, genügt vollauf.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.

Emails an: thomas.chorherr@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.07.2015)

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