Merk's Wien

Kann man anders hässlich sein? Was uns der Song Contest lehrt

Kommentar Dass die Vertreterin von Israel heuer gewonnen hat, hat nicht nur einen Grund – etliche andere spielen mit.

Der Song Contest wird nächstes Jahr in Israel stattfinden. Die Vertreterin dieses Landes hat gewonnen. Sie war anders. Sie war nicht das, was sich bei einem internationalen Ereignis, einem musikalischen Großevent präsentieren könnte. Die Vertreterin Israels, die dieses Musikereignis in ihr Land holen konnte, war anders, ganz anders. Sie war nicht das, was man sich unter der Gewinnerin eines so internationalen Bewerbes, der in der halben Welt umjubelt wird, vorstellt. Sie war – eben anders. Ganz anders. Sie war hässlich. Sie war dick. Sie war jenseits aller Ideen zuwider. Sie war abgrundtief schiach.

Und dazu war sie so angezogen, dass sie nicht einmal als abschreckende Figur einer negativen Karikatur des Andersseins hätte dienen können. Aber genau das wollte sie offenbar sein. In der Tat: Sie war, wie sie es selbst verlangt hatte, anders. Genau deswegen ist sie offenbar nicht nur aufgestellt worden, sondern genau deswegen hat sie gewonnen. Dick, mit einer komischen Frisur, die nicht einmal zum Lachen reizen konnte, weil es Rätsel gibt zwischen halbwegs tolerabel und unerträglich – und doch Siegerin.

Was war der Grund für ihren Sieg? Wahrscheinlich doch die Lust, zu zeigen, was alles möglich ist – oder unmöglich. Dass diesfalls das Unmögliche gewonnen hat, war nicht wahrscheinlich gewesen, aber doch innerhalb der Grenzen des Möglichen angesiedelt. Dass zum ersten Mal seit längerer Zeit Österreich wieder nicht nur einen vorderen Rang erreichen konnte, sondern sogar Dritter wurde, obwohl das Land einen Farbigen ins Gefecht zu schicken gewagt hatte, unterstrich das Außergewöhnliche dieses heurigen Song Contests.

Aber dass das Anderssein immer wieder und immer mehr seinen Platz erkämpfen will, ist nichts Neues mehr. Solches spielt sich in der Welt von heute vor allen Augen ab. Nicht nur dort, wo man annehmen könnte, dass es ganz bewusst vorkommt. Im Falle des musikalischen Ereignisses hätte man noch sagen können, dass es ganz bewusst passiert ist, weil heuer der 70. Jahrestag der Gründung des Staates Israel gefeiert wurde. Und dass ganz bewusst Wert darauf gelegt worden ist, zu zeigen, dass Israel eben tatsächlich anders ist als die anderen Staaten seiner Umgebung, kann nicht oft genug demonstriert werden.

Wir finden Ähnliches auf Schritt und Tritt. Sogar in völlig anderem Zusammenhang, nämlich auf dem Wiener Stephansplatz. Dort fand wieder einmal der sogenannte „Steffl-Kirtag“ statt, komplett mit Verkaufsläden, Belustigungen und sogar einem Ringelspiel. Dass solches sich ausgerechnet vor dem Riesentor abspielen konnte, ist offenbar damit zu erklären, dass der Platz vor der Kirche, die längst zu einer Kathedrale geworden ist, augenscheinlich nicht der Kommandogewalt des umtriebigen Dompfarrers unterliegt. Sonst wäre Toni Faber, dem geistlichen Adabei in allen Wiener Läden und Beiseln, sofort bei der Hand gewesen.

Aber der Stephansdom, seit langem ein Wahrzeichen der Donaumetropole, ist längst auch ein Merkmal der ganzen Stadt geworden. So wie die Stadt selbst immer mehr ein Hauptanziehungspunkt der Touristen ist, und vor allem jener aus dem Fernen Osten. Japaner und Chinesen treten einander auf die Füße. Dass sie ihr Wissen nicht aus der Bibel beziehen, ist jedem klar. Es genügt der Reiseführer. Alles andere ist Ballast.

Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.

E-Mails an: thomas.chorherr@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2018)

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