Merk's Wien: Sarrazin schlägt Kampusch

Deutschland schafft sich ab. Schafft sich auch Österreich ab?

„Wie sich unser Land aufs Spiel setzt“ lautet der Untertitel, den der ehemalige SPD-Finanzsenator Berlins und spätere Bundesbanker Thilo Sarrazin seinem Buch gegeben hat. Es gehe „wie die Hölle“, erfuhr ich letzte Woche in einer der größten Buchhandlungen Wiens. Und in einer anderen hieß es, dass es unentwegt Nachbestellungen gebe.

Sarrazins Sorgen wegen der deutschen Migrationsprobleme (Beispiel: „Eroberung durch Fertilität“) haben offenbar in Österreich ungeheuer eingeschlagen. Mehr, viel mehr als das Natascha-Kampusch-Märchenbuch, als Biografie firmierend. Darin habe man ja nichts wirklich Neues erfahren, sagen jetzt die Buchhändler.

Und bei Sarrazin? Seine Meinung kennen wir nun zur Genüge. Was bleibt, sind die Konsequenzen: Verlust der Position in der Deutschen Bundesbank, Parteiausschlussverfahren, Grimm vom Bundespräsidenten und der Bundeskanzlerin abwärts. Und Zustimmung, ja Begeisterung in der Leserschaft (auch der österreichischen), sofern sie des Buches habhaft wurde.


Wurde da wieder einmal die Diskrepanz spürbar zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung, gerade in den Fragen der Zuwanderung, aber auch in anderen? Darf man sagen und schreiben, was man denkt? Einer neuen Statistik zufolge glauben nur 31 Prozent der Österreicher, ihre Meinung frei äußern zu dürfen. Kann das wirklich stimmen? Von der „Medienmacht der politisch Korrekten“ ist die Rede. Von Tabus, an denen man nicht rühren darf. An Orwell und eine Gedankenpolizei erinnern übertreibend Pessimisten.

Gewiss, auch bei uns sind etliche Schlagwörter echte „Schlag-Wörter“ geworden: Rassismus, Antisemitismus, Faschismus zum Beispiel. Wer wagt es, Israels Außenpolitik scharf zu kritisieren? Wer, die Justiz zu kritisieren? Wer, den türkischen Premier Erdoğan zu rügen, der laut Sarrazin seine Landsleute aufgefordert hatte, sich nicht zu integrieren, sondern sich primär am Herkunftsland auszurichten?

Sarrazins Buch stößt, wie es scheint, auf große Zustimmung. Nicht bei den Medien, nicht bei den Politikern, sondern bei der Bevölkerung. Auch bei uns sollte man daran denken, was Voltaire gesagt hat: „Du bist anderer Meinung als ich und ich werde dein Recht dazu bis in den Tod verteidigen.“


Der Autor war langjähriger Chefredakteur und Herausgeber der „Presse“.


@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2010)

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