Lässt sich die Flüchtlingskrise bewältigen, ohne in den Fettnapf zu tappen? Eher nicht

Während keiner europäischen Krise wurden die kleinen und großen nationalstaatlichen Heucheleien so grell ausgeleuchtet wie im Laufe der vergangenen drei Jahre.

Dass Krisen besonders gut dazu geeignet sind, die charakterlichen Untiefen der an ihnen beteiligten Personen freizulegen, ist sattsam bekannt. Weniger bekannt ist hingegen, dass diese alte Weisheit auch für Nationen im Allgemeinen und für die Europäische Union im Speziellen gilt. Besonders gut beobachten lässt sich das anhand der im Jahr 2015 akut gewordenen Flüchtlingskrise. Die Frage des Umgangs mit Neuankömmlingen aus Afrika und dem Nahen Osten ist für die EU aus mindestens vier Gründen von existenzieller Natur. Erstens: Sie bringt ihre Mitglieder gegeneinander auf. Zweitens: Sie vertieft die regionalen Ungleichgewichte. Drittens: Sie ist eine Belastungsprobe für die europäischen Sozialsysteme. Und viertens: Sie ist Wasser auf die Mühlen der Demagogen, Vereinfacher und Volksverführer.

Neben diesen gesellschaftspolitischen Folgewirkungen hat die Flüchtlingskrise noch eine weitere unerwünschte Nebenwirkung: Sie funktioniert wie ein gigantischer Fettnapf, an dem zwischen Brüssel, Berlin, Paris und Rom kein Weg vorbeizuführen scheint. Während keiner europäischen Krise wurden die kleinen und großen nationalstaatlichen Heucheleien so grell und so erbarmungslos ausgeleuchtet wie im Laufe der vergangenen drei Jahre.

Der Vorwurf betrifft nicht nur die üblichen Verdächtigen in Osteuropa, die selbst von der Personenfreizügigkeit in Europa profitieren, ihre eigenen Grenzen und Herzen aber dicht verschlossen halten, sondern auch den europäischen Kern: Etwa Frankreich, das von Italien Humanität fordert, aber selbst Migranten, die von Ventimiglia nach Menton streben, knallhart zurückweist. Oder Deutschland, das über Jahre von den europäischen Partnern die Einhaltung der EU-Regeln gefordert hatte, aber selbst ebendiese EU-Regeln außer Kraft setze, als die Situation es erforderte. Oder Schweden, das sich im Zeitraffertempo vom integrationsfreudigen Paulus zum einwanderungsfeindlichen Saulus gewandelt hat.

Wenn also das zerstörerische Potenzial der Flüchtlingskrise besonders groß ist, sollten alle Beteiligten erstens behutsam agieren und zweitens jedes Wort auf die Goldwaage legen. Ansonsten kann das passieren, was Bundeskanzler Sebastian Kurz und Deutschlands Innenminister Horst Seehofer am Mittwoch in Berlin widerfuhr. Im Zusammenhang mit einer möglichen Dreierkooperation mit Italien in der Flüchtlingspolitik haben die beiden nämlich von einer „Achse der Willigen“ gesprochen.

Die Betonung des Prinzips der Freiwilligkeit ist in dem Kontext lobend hervorzuheben. Dieses Lob kann aber trotzdem nicht die Tatsache überdecken, dass Deutschland, Österreich und Italien in den vergangenen einhundert Jahren keine besonders guten Erfahrungen mit Achsen gemacht haben – insbesondere in den Zeiträumen 1914 bis 1918 sowie 1939 bis 1945.

Doch angesichts der zuvor erwähnten Begleiterscheinungen der Flüchtlingskrise war der gestrige Lapsus linguae wohl unvermeidlich: Denn als zylinderförmiger Körper verfügt der Fettnapf selbstverständlich auch über eine Achse.

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