Wenn Frauen ein WM-Spiel kommentieren

Die Fußball-WM wird immer noch gern als Männersache gesehen. Und so ist eine TV-Kommentatorin für manche auch im Jahr 2018 der größte Affront.

Pünktlich zur Fußball-WM hat Sexismus wieder Hochsaison. Ein Lebensmittelhersteller wirbt um Verständnis für die "zweite Liebe" des Mannes (Frau kann dafür Kuchen in Ballform backen), ein deutscher TV-Sender stellt ein Bullshit-Bingo fürs Schauen mit Frauen bereit (Darf keinesfalls fehlen: "Was war Abseits nochmal?") und der Sportchef einer Schweizer Zeitung bedauert sich in seiner Kolumne selbst, weil er in Russland vor Ort ist (Wo sind nur die "schönen Olgas von der Wolga"?).

Frauen als interessierte und mit den Regeln vertraute Fußballfans übersteigt offenbar schon so manche Vorstellungsgabe, geradezu ein Affront ist es für einige jedoch, wenn eine Frau sich in einer der letzten Männerdomänen behauptet. Claudia Neumann kommentiert, wie schon bei Endrunden zuvor oder in der Champions League, für das ZDF WM-Spiele aus Russland – und erntet immer noch jedes Mal einen Shitstorm. Der öffentlich-rechtliche Sender sah sich angesichts der Bösartigkeit der Kommentare sogar zu einer Stellungnahme gezwungen: "Claudia Neumann macht insgesamt einen guten Job. Was wir nicht akzeptieren, sind Hass, Beleidigungen und sexistische Bemerkungen."

Was ist passiert? Ja, auch Claudia Neumann verspricht sich, verwechselt Spieler, schätzt eine Szene im ersten Moment falsch ein. Genau wie die männlichen Kommentatorenkollegen bei ORF, ARD, ZDF oder SRF. Man darf Präferenzen haben, an Kompetenz und Fachkenntnis mangelt es ihr aber definitiv nicht. Wenn plötzlich über die Klangfarbe ihrer Stimme diskutiert wird, könnte das vielleicht daran liegen, dass Zuschauer seit Anbeginn der TV-Übertragungen an Männerstimmen gewöhnt wurden.

Deshalb ist es ein gutes und wichtiges Zeichen, dass auch der ORF erstmals Frauen auf die WM-Bühne bringt. Alina Zellhofer macht ihre Sache im WM-Studio gut und Nationaltorhüterin Manuela Zinsberger als Gast im WM-Club gemeinsam mit Jean-Marie Pfaff fachsimpeln zu lassen, ist ein großer Schritt in die richtige Richtung.

Und ja. Natürlich gibt es Frauen, die mit der WM und Fußball an sich gar nichts anfangen können. Männer übrigens auch.

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