Was Helene Fischer von Friedrich Nietzsche lernen könnte

"Ich will ein paar Sterne tanzen sehen", sang der deutsche Schlagerstar bei dem gestrigen Konzert im Prater. Dass es nicht funktioniert hat, liegt wohl am mangelnden Chaos.

Helene Fischer im Praterstadion.
Helene Fischer im Praterstadion.
Helene Fischer im Praterstadion. – APA/HERBERT PFARRHOFER

200 Kilo Konfetti, 35 Nebelmaschinen, 60 Flammendüsen: Wer beim Konzert Helene Fischers im Praterstadion war und noch immer Herzbeben und Atemlosigkeit fühlt oder gar keine Schwerkraft mehr spürt, darf wissen, dass diese leiblich-seelischen Effekte auch eine ganz materielle bzw. elektrische Basis haben. Getrieben wurden sie von vier Generatoren mit einer Gesamtleistung von 2000 Kilovoltampere, das entspricht dem Bedarf einer Kleinstadt, wie die Veranstalter stolz melden.

Mit dieser Leistung (ist gleich Energie durch Zeit) passiert in der Helene-Fischer-Kleinstadt freilich auch einiges: „Hier fliegt die Erde aus der Bahn“, heißt es in Fischers Lied „Feuerwerk“, „Du kannst die Erde drehen“ in „Phänomen“, „Die Welt bricht ein, wir schalten den Himmel an“ in „Wir brechen das Schweigen“, „Für eine neue Galaxie bin ich mit dir bereit“ in „Freiheit“.

Man darf solche kosmischen Emanationen einer Sängerinnenseele belächeln, man kann aber auch nach ihren Wurzeln in der deutschen Geistesgeschichte suchen, etwa in Nietzsches „Also sprach Zarathustra“. Dort heißt es: „Ich sage euch: Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.“ Bei Helene Fischer (im Lied „Lieb mich“) heißt es entsprechend: „Ich will ein paar Sterne tanzen sehen.“

Sie will, das ist ja schon etwas. Wenn es doch nicht funktioniert, liegt das wohl am mangelnden Chaos. Daran, dass ihre Musik glatt ist wie ein Stapel frisch gebügelter Hemden. Wie ein Niveamodellgesicht. Wie das Weltall nach dem Wärmetod. Wir raten ihr: Holen Sie sich ein paar deutsche Freejazzer in die Band, Frau Fischer! Die verlangen nicht viel Geld und haben viel Chaos in sich. Vielleicht wird das dann noch etwas mit den tanzenden Sternen, das nächste Mal im Praterstadion.

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