Die Diesel-Stinker und das Ehrgefühl der Osteuropäer

In Bulgarien und anderen osteuropäischen EU-Staaten wehrt man sich empört gegen den Export ausgemusterter Dieselautos aus dem Westen - und muss sich den Vorwurf der Scheinheiligkeit gefallen lassen.

Der Diesel-Skandal hat unter anderem dieses Problem aufgeworfen: wohin mit Hunderttausenden recht neuen Autos, die keine Zulassung mehr bekommen? Vor allem in Deutschland ist das angesichts von Fahrverboten in einer wachsenden Zahl von Städten eine heikle Frage. Die Antwort scheint schlüssig: ab in den Osten damit! Allein in Bulgarien wurden im vorigen Jahr 100.000 Gebrauchtwagen importiert, gut ein Drittel davon von Dieselmotoren betrieben, die nicht mehr den aktuellen Abgasnormen entsprechen.

Dagegen regt sich in einigen osteuropäischen Mitgliedstaaten Widerstand. Man möchte nicht zum Schrottplatz westeuropäischer Umweltschutzscheinheiligkeit werden. Die polnische EU-Kommissarin für Industriepolitik hat das etwas diplomatischer formuliert: "Ein Export ist lediglich eine Verschiebung der Luftqualitätsprobleme von West nach Ost."

Schon fühlt sich der Beobachter an die im vorigen Jahr eskalierte Aufregung um die doppelten Qualitätsstandards von Lebensmittel verarbeitenden Markenherstellern erinnert: die als ident verkaufte Nutella in Bratislava nicht so streichfähig wie nebenan in Wien, weniger Fisch in den Fischstäbchen, Babymilchpulver, das deutlich niedrigere Anteile an essenziellen Nährstoffen enthält.

Werden die Osteuropäer also wieder einmal als Bürger zweiter Klasse behandelt? Nein. Die beiden Angelegenheiten haben, bei näherer Betrachtung, wenig gemein. Wenn ein Lebensmittelkonzern in zwei Staaten dasselbe Produkt vertreibt, aber unterschiedliche Qualität liefert, betrügt er seine Kunden. Hier ist der Gram der Osteuropäer verständlich und gerechtfertigt; man denke zudem daran, wie nach der Wende 1989 allen voran deutsche Unternehmen Ausschussware auf den neuen Markt mit seinen unerfahrenen neuen Konsumenten gekippt haben.

Doch im aktuellen Fall des Exportes alter Dieselautos gen Osten ist die Aufregung scheinheilig. Gelten die EU-weit verbindlichen Abgasnormen in Sofia, Warschau oder Bukarest etwa nicht? Oder werden sie bloß nicht korrekt vollzogen? Und was hindert die sonst so stolz auf ihre nationale Eigenmächtigkeit pochenden Regierungen dieser Staaten daran, selber strengere Abgas- und Luftschutzgesetze zu erlassen? Und, vor allem: wer nötigt die Bulgaren dazu, all diese 100.000 Gebrauchtwagen zu importieren?

Natürlich soll ein Dieselauto, das die Abgasnorm in Deutschland nicht erfüllt, aus dem Verkehr gezogen werden. Man muss hoffen, dass die Behörden der Zielländer dieses nun dank Umtauschprämien in Schwung kommenden Exportes ausrangierter Wagen aus dem Westen genau darauf schauen, was da über ihre Grenzen eingeführt wird.

Doch nüchtern betrachtet ist es auch der Atemluft der Bulgaren und Polen zuträglicher, wenn dort jüngere, effizientere gebrauchte Dieselwagen fahren anstelle des mitunter recht antiken Fuhrparkes. Wenn die Regierungen dieser Länder die starke Abhängigkeit ihrer Bürger vom Auto verringern wollen, müssen sie in den öffentlichen Nahverkehr und leistungsfähige Zugverbindungen investieren. Das Geld dafür steht in Brüsseler Kohäsionstöpfen reichlich zur Verfügung.

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