Melden Sie Ihr Baby offline an, solange es noch geht!

Das Internet bedroht ein urösterreichisches Erlebnis am Standesamt. Bald werden wir ohne Beamten-Charme und Mitbürger-Entertainment auskommen müssen.

In Zukunft wird man sein Neugeborenes online anmelden können. Das ist zeitgemäß. Aber auch ein bisschen traurig. So ein Amtsgang ist ja ein Event. Vor allem in der Bundeshauptstadt. Geburt, Hochzeit, Tod: Allzu viele Gelegenheiten hat man ohnehin nicht mehr, das legendäre österreichische Beamtentum live zu erleben. Und so eine Offline-Baby-Anmeldung ist etwas ganz Besonderes.

Das beginnt schon bei der Architektur der Amtshäuser, beziehungsweise bei der Baustelle zur Lift-Erneuerung, die einen Transport des Kinderwagens zum Standesamt im ersten Stock verhindert.

Oben angekommen helfen sich die Bürger gegenseitig.

"Wie funktioniert das, gibt's Nummern?"

"Na, gehens einfach rein."

Vorsicht. "Einfach reingehen" ist eine Aktion, die von den Beamten hinter der Schiebetür eher ungern gesehen wird. Quasi eine Falle, die erfahrene Wartende den naiven Neuankömmlingen stellen. Nach zehn Minuten Recherche ist die eigene Position in der Rangordnung im Vorzimmer des Standesamtes aber dann doch ermittelt. Langweilig wird es zwischen stillenden Müttern, schreienden Kindern und sich lauthals streitenden Paaren nie.

Dann der Hauptakt im Beamtenbüro. Regel Nummer eins: Keine Witze! Regel Nummer zwei: Absolut. Keine. Eigenen. Witze. Dafür sind im Amt die Beamten zuständig, nicht die Beamteten. Wer freundlich bleibt und gut vorbereitet ist wird ebenso freundlich bedient. Ja sogar angefeuert.

"Da unterschreiben und da und da und da und da. Net schwoch werden jetzt."

Auf dem Papier mag das alles furchtbar mühsam wirken. In Person hat es Charme. Das neue Kind wird körperlich beim Staat vorstellig und lernt im Amts-Vorzimmer gleich einen repräsentativen Querschnitt der Gesellschaft kennen, in die es geboren wurde.

Dass viele sich das dennoch ersparen möchten und im Jahr 2018 zu Recht erwarten, ihr Kind auch online anmelden zu können, ist natürlich verständlich. Aber man sollte sich nicht zu früh freuen. Wir sind immer noch in Österreich. So ein Online-Behördengang kann ganz rasch zu einem kafkaesken Erlebnis samt Rückschlägen, Abstürzen und entnervten Hotline-Anrufen werden. Ganz ohne Beamten-Charme und Mitbürger-Entertainment.

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