Erst mit der Zeit dämmert uns, was Streik bedeuten kann

Nachrichten von der Insel - oder: Warum das Luxusmenü im Hotel plötzlich etwas Kafkaeskes an sich hat.

FRANCE-POLITICS-FUEL-PROTEST
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Leere Straßen auf der Insel – APA/AFP/RICHARD BOUHET

Reif für die Insel sind zu dieser trüben Jahreszeit viele, trotz Punsch und Weihnachtsgeld. Teneriffa oder Mallorca? Unsere Insel ist ein bisschen weiter weg. Trotzdem gehört sie zur Europäischen Union. Herr Rafael, der uns auf unserer Reise in Empfang nimmt, wirkt nervös. Er plaudert von seinen drei Kindern von drei verschiedenen Frauen aus aller Welt. Und er äußert Sorge, ob wir uns auch wohl fühlen werden. Warum nicht? Wir haben bei einem großen Reiseveranstalter gebucht. Als wir im Hotel ankommen, ist das Tor versperrt. Der Wächter öffnet es rasch und schließt es gleich wieder. Leider, ein Streik, erklärt Rafael, lädt unsere Koffer ab und verspricht, sich bald wieder zu melden. Gleich, nachdem er weg ist, sehen wir einen langen Demonstrationszug vorbei ziehen. Ach ja, Streik! Gibt es bei uns auch, protestierende Metaller und Handelsangestellte.

Erst mit der Zeit dämmert uns, was Streik bedeuten kann. Alle Touren auf der Insel, die wir in einem farbenfrohen Prospekt, der uns am Airport ausgehändigt wurde, studieren konnten, sind abgesagt, die Regale in den Supermärkten sind leer, es fahren keine öffentlichen Busse, Taxis auch nicht, wenn, müssen sie großräumig ausweichen - den Straßensperren der Streikenden. Benzin ist entweder nicht vorhanden oder rationiert. Unsere kühn gewagte Halbtagesfahrt per Mietwagen in die Berge ist nach zwei Stunden zu Ende. Den Rest der Zeit verbringen wir wartend auf den kostbaren Treibstoff in der Schlange einer Tankstelle – und wir sind froh, dass wir überhaupt Sprit bekommen. Im Hotel freilich scheint alles in Ordnung: Reichlich Lebensmittel und freundliche Betreuung.

Nur das Luxusmenü hat unter den gegebenen Umständen etwas Kafkaeskes. Wir betrachten die silbernen Löffel, stehlen sie nicht und denken an den seit zehn Tagen gesperrten Hafen und die verzweifelten Einwohner. „Dieser Streik trifft nicht die Reichen, sondern uns alle, wir können nicht zur Arbeit und es gibt nichts zu essen“, klagt der Taxifahrer, der uns um vier Uhr morgens auf allerlei Umwegen zum Flughafen bringt - und er fügt hinzu: „Im Meer die Haiunfälle und im Land die Protestblockaden, das ist eine Katastrophe für den Fremdenverkehr.“

Haben Sie erraten, welche Insel wir besucht haben? Übrigens ist sie sehr schön, warmes Wetter, Vulkane und andere spektakuläre Landschaften. Es war La Réunion im Indischen Ozean, das zu Frankreich gehört, wo in diesen Tagen die „Gilets Jaunes“, die Gelbjacken erhebliche Zerstörungswut entfalten, auch auf La Réunion wurde gestreikt, vor allem wegen des steigenden Erdölpreises und der hohen Jugendarbeitslosigkeit. Gossip-Fans ist La Réunion, das grüne Eiland mit schrecklicher Kolonialvergangenheit, auch ein Begriff dank einer zornigen Dame, der ihr Sohn mit einem Bestseller ein Denkmal setzte. Als Lucie Ceccaldi, die auf La Réunion lebte, von der wenig schmeichelhaften Schilderung ihrer Person als sexsüchtige, egomanische 1968iger-Hippiemama erfuhr, schrieb sie ihrerseits eine Gegendarstellung in Buchform – und drohte ihrem Sohn via Medien mit Stockschlägen. Die Rede ist von Michel Houellebecq und seinem epochalen Roman „Elementarteilchen“.  

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