Vom Aufstehen und vom Ruhen

Stress mit dem Chef, Ärger mit der Frau, pubertierender Sohn? Eine Freundin hat mir neulich eine Geschichte erzählt. Sie ist einfach drei Tage im Bett geblieben.

(c) imago/PhotoAlto

Pst! Sie da! Ja, Sie meine ich, mit den müden Augen! Gestern wieder zu lange ferngesehen? Nein? Stress mit dem Chef, Ärger mit der Frau, pubertierender Sohn? Ah, ich verstehe. Meine Freundin Anna hat mir neulich eine Geschichte erzählt. Sie ist einfach drei Tage im Bett geblieben.

Nein, sie war nicht krank. Sie hat ein Buch gelesen, Tee getrunken, war auf, wenn sie munter war und hat geschlafen, wenn sie müde war. Das sei das beste Mittel gegen Burnout und Boreout, sagt sie. Warum immer warten bis einen ein Virus erwischt, und einem klar macht, dass man überlastet ist. Warum nicht selber in die Offensive gehen? Einfach mal aus dem ganzen Getriebe zurückziehen, das uns tagtäglich umgibt. In dieser Jahreszeit ist die Sehnsucht nach Stille ja angeblich besonders groß.

Und der viele Schnee! Fahren Sie aufs Land oder hängen Sie an ihre Zimmertür ein Schild: Bitte nicht stören! Wie im Hotel. Am besten weihen Sie möglichst wenige Leute ein. Denn einfach ohne Anlass faul zu sein, das kommt nicht positiv an. „Ich glaube nicht, dass es eine gute Entwicklung ist, wenn immer weniger Menschen in der Früh aufstehen, um zu arbeiten, und in immer mehr Familien nur mehr die Kinder in der Früh aufstehen, um zur Schule zu gehen“, erklärte unser Kanzler Kurz neulich. Kann sein.

Aber wir, die Anna und ich, sehen viele und ganz andere Leute, zum Beispiel in der U-und S-Bahn: Männer und Frauen, die morgens zur Arbeit hasten, hustend, niesend, weil sie sich nur dann krank melden, wenn sie schon völlig fertig sind, Menschen, die ihre Kinder antreiben, Kinder, die nach stundenlangem Verbleib in „Einrichtungen“ aller Art ermattet mit ihren überreizten Eltern heimkehren – und jetzt soll man nach dem Essen noch etwas lernen. Klar. Kein Problem. Am Wochenende wird Sport gemacht, die Oma besucht oder Haus gebaut usw.

Anna und ich verstehen, dass die Wirtschaft am Laufen gehalten werden will, dass sie uns Wohlstand verschafft, dass sich Regen Segen bringt usw. Aber von Zeit zu Zeit muss man sich ausruhen. Und zwar ganz und gar. Danke.  

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