Kostenpflichtige WCs in der U-Bahn: Gehört die Stadt noch uns?

Erwirbt man mit dem Ticket für die U-Bahn auch das Recht, dort die Toilette als öffentliche Infrastruktur zu nutzen? Eher nein. Aber im Restaurant stehen am Ende halt auch nur Speisen und Getränke auf der Rechnung.

Die Stadt gehört dir. Stimmt, diesen Slogan der Wiener Linien gab es doch einmal. Allein, stimmt er denn noch? Immerhin sind es genau die Wiener Linien, die heuer ein Service einschränken, das bisher für alle Einwohner und Gäste der Stadt kostenlos verfügbar war - Toiletten in der U-Bahn, nämlich. Noch im heurigen Sommer sollen in sechs stark frequentierten U-Bahn-Stationen kostenpflichtige WCs eingerichtet werden. Mit Service, Handtüchern, Seife und dergleichen, und hoffentlich immer sauber. Und das für 50 Cent pro Besuch. Ja, dürfen sie denn das?

Sympathisch ist es nie, wenn ein Service, das man bisher kostenlos in Anspruch nehmen konnte, plötzlich etwas kostet. Noch dazu, wenn es dabei um ein menschliches Grundbedürfnis geht. Und ja, der Gang zur Toilette ist ein solches. Aber ist ein Ende der kostenlosen WC-Benutzung denn gerechtfertigt? Nun, das Argument, dass man mit dem Ticket für die U-Bahn auch ein Recht auf einen Toilettenbesuch in der Station hat, greift nicht. Man bezahlt für die Beförderung von einem Punkt zum anderen. Aber andererseits - man erwartet sich auch als Kunde in einem Restaurant in der Regel, dass man aufs Klo gehen darf. Und dass man am Ende trotzdem nur die Speisen und Getränke auf der Rechnung stehen hat.

Für den Großteil der Fahrgäste wird es wohl machbar sein. Wer allerdings krankheitsbedingt öfter auf die Toilette muss, wer mit Kindern unterwegs ist, die sich noch nicht so gut unter Kontrolle haben, wer sich für die Hygiene für ein paar Minuten zurückziehen will - und natürlich auch, wer sich die 50 Cent vielleicht nicht so einfach leisten kann, der verliert ein Stück frei zugänglicher öffentlicher Infrastruktur. Vielleicht wird es also ein paar Menschen mehr geben, die das Gefühl haben, dass die Stadt nicht mehr ganz so ihnen gehört.

Rechtlich stehen die Wiener Linien wohl trotzdem auf der sicheren Seite. Eine Klage auf Öffnung der Toiletten würde vermutlich keinen Erfolg haben. Aus betriebswirtschaftlicher Sicht ist der Schritt auch nachvollziehbar - man beschränkt sich auf die Kernkompetenz des Transports von Menschen und spart Ressourcen, indem man Spezialisten für Toiletten ihr Geschäft machen lässt. Und nicht zuletzt: der Vandalismus in den öffentlichen WCs wird damit wohl deutlich nachlassen. Vermutlich werden sich die Passagiere auch daran gewöhnen, dass sie künftig in einer dringenden Situation extra zahlen müssen - und das hoffentlich nicht nur mit Münzen geht, sondern auch mit Karte, Handy oder was auch immer. Also ja, sympathisch ist der Schritt der Wiener Linien nicht. Aber irgendwie verständlich. "Die Stadt gehört dir" werden sie hoffentlich trotzdem nicht auf die Toiletten plakatieren.

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