Gotische Twin Towers: Wenn der Algorithmus irrt

YouTube klassifizierte die brennende Notre Dame als Fake News. Irren ist eben nicht nur menschlich.

Gerade noch stimmten die EU-Staaten der Reform des EU-Urheberrechts und damit der Einführung von Upload-Filtern zu. Genau am selben Abend demonstrierte die Videoplattform YouTube eindrucksvoll, dass diese Upload-Filter nicht funktionieren. Als nämlich ein Livestream zum Brand in Notre Dame auf YouTube hochgeladen wurde, verwechselte der Algorithmus die Kathedrale mit den Zwillingstürmen des World Trade Centers, die am 11. September 2001 durch einen Terroranschlag zerstört wurden.

YouTube warnte seine Nutzer zu allem Übel mit eingeblendeten Infoboxen vor Fake News und bezweifelte damit den Brand des Pariser Wahrzeichens.

Man muss dem Algorithmus zugutehalten, dass er den Bildinhalt so weit verstanden hat, dass zwei Türme zu sehen sind. Und die Rauchschwaden haben die Identifizierung sicher nicht erleichtert. Die waren noch kilometerweit zu sehen. Da kann man ein gotisches Gebäude schnell einmal mit einem 110 Stockwerke hohen Wolkenkratzerpaar, das aus Glas und Stahl bestand, verwechseln. Was macht da schon ein Höhenunterschied von 348 Metern?

Irren ist menschlich, sagt man. Aber das gilt auch für Algorithmen, sind sie ja auch von Menschen geschrieben.

Ihre Fehlbarkeit zeigt nicht nur, dass die geforderten Upload-Filter nicht die Ergebnisse bringen werden, die man sich von der Reform erhofft. Je komplexer die Inhalte sind, umso „dümmer“ scheinen die Maschinen. Dabei darf man nicht vergessen, dass der YouTube-Filter zur Erkennung von Plagiaten bereits seit 2007 eingesetzt wird und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt wurde.

Und nach knapp zwölf Jahren intensiven Entwicklungen wird dann aus einer brennenden Notre Dame ein Bürokomplex, der seit 2001 nicht mehr existiert.

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