Bei der Bahn müsste man sein, nicht bei der Bank

Wenn die Bahn streikt, bekommt es jeder mit. Aber ob ein Streik der Bankmitarbeiter einen Effekt hätte?

Stellen Sie sich vor, es ist Streik und keiner merkt es. Das dürfte die schlimmste Befürchtung eines kampfbereiten Gewerkschafters sein. Erst Anfang des Monats konnte man ein Fallbeispiel in der deutschen Hauptstadt Berlin miterleben. Die Gewerkschaft Verdi – vielen ein Begriff durch ihre Dauerfehde mit dem Onlineriesen Amazon - hatte Bankmitarbeiter in großen Städten wie Hamburg, Berlin und München zu Warnstreiks gerufen.

Im Anschluss hieß es vonseiten des Arbeitgeberverbands nüchtern: Die Auswirkungen für die Kunden seien “insgesamt überschaubar” gewesen. Nicht, weil niemand teilnahm. 3000 Angestellte sollen in Deutschland mitmarschiert sein. In Berlin sei jede zweite Sparkassen-Filiale geschlossen geblieben, hieß es. Aber die Automaten im Foyer hatte keiner vom Netz genommen.

Bei der Bahn müsste man sein, nicht bei der Bank. Man erinnere sich: Als die österreichischen Bahn-Gewerkschaft im November zum Warnstreik pfiffen, standen quer durch Österreich 670 Züge still. Das Ganze dauerte zwei Stunden, das reichte. Der Streik geschah an einem Montag. Am Sonntag derselben Woche hatten sie den unterzeichneten Abschluss mit einem Gehaltsplus von 3,4 Prozent in der Hand.

Österreichs Bankangestellte hätten nun gerne 3,5 Prozent mehr Gehalt, was nicht ganz den Vorstellungen der Gegenseite entspricht. In der verfahrenen Situation drohte die Arbeitnehmerseite vor der gestrigen fünften Verhandlungsrunde mit Streik. Das Ok des Gewerkschaftsbunds war bereits eingeholt.

Heute Früh wissen wir: Die Drohung hat gewirkt. Die Sozialpartner haben – wie schon im Vorjahr – fünf Runden und eine Streikdrohung für ihren Kollektivvertragsabschluss gebraucht. Und keiner wird erfahren, welchen Effekt so ein Streik der Bankmitarbeiter im Jahr 2019 in Österreich hätte.

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