Wo ist das Publikum für diese EU-Debatte?

Höflich und in der Sache parlierten die sechs Spitzenkandidaten für die EU-Wahl. Doch die „europäische Öffentlichkeit", die sie ansprechen wollten, gibt es - noch - nicht.

Nichts von dem, was die sechs Spitzenkandidaten für die Wahlen zum Europaparlament am Mittwochabend bei ihrer Debatte in Brüssel gesagt haben, wird deren Ausgang beeinflussen. Am 26. Mai wird, ob man das ablehnt oder befürwortet, das Ergebnis von 28 nationalen Wahlen verkündet - und nicht jenes einer wirklich gemeinsamen Entscheidung der Bürger Europas darüber, wie ihr nächstes Parlament aussehen und wer die Europäische Kommission führen soll (vom Umstand, dass vermutlich keiner der sechs Kommissionschef wird, sei an dieser Stelle abgesehen). So eine gemeinsame europäische Öffentlichkeit scheitert vor allem an der gemeinsamen Sprache: wenn Politik der Ort ist, an dem wir uns ausmachen, wie wir miteinander umgehen und Probleme einvernehmlich lösen, dann wird das nie in holprigem Englisch gehen, das es an Emotion und Nuance gebrechen lässt (die liberale Dänin Margarethe Vestager und der sozialdemokratische Niederländer Frans Timmermans waren in dieser Hinsicht wohltuende Ausnahmen). So lange die nationalen Parteien gleichsam als Transmissionsriemen gemeinsamer Programme in ihre Heimatländer wirken, ist das auch kein Problem.

Trotz einer gewissen Gestelztheit war diese Debatte wichtig und gut: sie lief höflich ab, und man tauschte sich kenntnisreich über sachpolitische Themen aus. Da könnte sich manch ein österreichischer Politiker dicke Scheiben abschneiden! Trotz großer weltanschaulicher Unterschiede - vom sozialistischen belgischen Stahlgewerkschafter Nico Cué bis zum tschechischen Rechtskonservativen Jan Zahradil - ging man miteinander respektvoll um. Das ist, wenn man einen amerikanischen Wahlkampf erlebt hat, eine Wohltat: dort wird nicht debattiert, sondern man duelliert sich. In Zeiten eines sich bisweilen ins Hasserfüllte verschärfenden öffentlichen Diskurses ist es tröstlich zu sehen, dass Politiker auch anders miteinander umgehen können, als sich gegenseitig als Volksverräter und Abschaum zu beschimpfen.

Dies allerdings führt zum größten Problem dieses Debattenformats: rechtsaußen war eine Lücke. Keiner der autoritären Populisten, Demagogen, Reaktionäre, vor deren Erstarken bei diesen EU-Wahlen man sich europaweit Sorgen macht, war vertreten. Das lag nicht an einer Verschwörung der „Systemmedien": die Rechtsrechten um Le Pen, Salvini und Vilimsky haben es vorgezogen, keinen Spitzenkandidaten zu nominieren. Dennoch hätte man es sich als Zuschauer gewünscht, einen Vertreter derer, die vom rechten Rand aus den sogenannten politischen Mainstream in Angst und Furcht versetzen, auf der Bühne zu sehen. Wenn man ihnen sachlich und gelassen Paroli bietet, entpuppen sich diese Freunde autoritärer Politik nämlich fast durchwegs als bloße Maulhelden.

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