Über den Mythos von der schnellen Integration 

Familie Javid kommt nach England.

Sajid Javid - Sohn pakistanischer Einwanderer.
Sajid Javid - Sohn pakistanischer Einwanderer.
Sajid Javid - Sohn pakistanischer Einwanderer. – REUTERS

1961 kam die Familie Javid aus Pakistan nach England. Und schlug sich durch. Der Vater jobbte als Busfahrer, die Mutter war Näherin, sie hatte nie eine Schule besucht und tat sich immer schwer mit dem Englischen. 1969 wurde als einer von fünf Söhnen Sajid geboren. Ein Nobelinternat wie im Fall von Premier Boris Johnson war da nicht möglich, doch der begabte Junge schaffte den Sprung ganz nach oben, in die Finanzwelt der „City“. Er ist heute Schatzkanzler in Johnsons Regierung. Ideologisch war er seit Thatchers Zeiten auf der Linie der Tories. In Einwanderungs- und Islamfragen war seine Linie stets rigide, auch in der Brexit-Frage unterstützt er einen harten Kurs.

Dass Johnsons Regierung so bunt ist wie die ganze Gesellschaft, ist Ergebnis der britischen Kolonialgeschichte. Die Migranten konnten mit Recht sagen: Wir sind hier, weil ihr bei uns wart. Man kann nun darüber philosophieren, dass man im einfachen britischen Volk fremdenfeindlich wurde, die britische Elite aber, die dieses Volk aufgehetzt hat, gar nicht so abschottungswillig und klassenbewusst zu sein scheint. Auch die Wurzeln der neuen Innenministerin Priti Patel liegen im indischen Subkontinent. Diese Karrieren zeigen: England war einmal ein Beispiel für funktionierenden Multikulturalismus und gelungene Assimilation. Dennoch hat es fünfzig Jahre gebraucht, bis asiatischstämmige Zuwanderer mit muslimischem Hintergrund zwei der vier führenden Ämter Großbritanniens eroberten.

Integration funktioniert manchmal langsamer als erwünscht. Im späten 19. Jahrhundert war New York eine der größten „deutschen“ Städte nach Berlin. Im „german belt“ der USA gab es enorme Spannungen zwischen den einheimischen Amerikanern und den in Massen zuwandernden Fremden aus „Germany“. Sie waren in der ersten Generation wenig assimilationsfreudig und brauchten bis zur kompletten Eingliederung in der Regel drei Generationen.

Kommt ein Migrant oder Flüchtling an, ist Integration zunächst ein Fremdwort für ihn. Es geht ihm um den Start in ein neues Leben. Trotzdem wird bei Integrationsproblemen gleich von Assimilationsunfähigkeit gesprochen. Wen interessiert der Gegenbeweis der Geschichte?

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