Die Schlafwandler

Johnson ist weniger ein Premierminister als ein Revolutionsführer. Ihn stört es nicht, dass er von weniger als 0,3 Prozent der Wahlberechtigten zu ihrem „Leader“ gewählt wurde.

Vor einigen Jahren lasen wir in Christopher Clarkes meisterhafter Monographie „Die Schlafwandler“ wie Europa in einer Mischung aus Unwissenheit und Nicht-Wissen-Wollen in den Ersten Weltkrieg stolperte. Heute sehen in Großbritannien Abgeordnete, Öffentlichkeit und Kommentare zu, wie der neue Premierminister Boris Johnson bis an die äußerste Grenze geht, um den von ihm gewünschten harten Brexit durchzuziehen. 
 
Sie sind ebenso rat- wie hilflos. Abgesehen von leeren Drohungen fällt ihnen nichts ein. Würde man die Zeitungskolumnen nebeneinander legen, in denen sich die gemäßigten, liberalen oder – auch die gibt es noch! – pro-europäischen Kräfte des Landes bis zuletzt versicherten, dass es der Premierminister am Ende des Tages nicht so ernst nehmen werde, dass er doch nur ein bluffender Dilettant sei und ihn letztlich eine Koalition der Vernunft im Parlament stoppen werde, würde man locker bis zum Mond und zurück gelangen.
 
Nichts davon hat sich bewahrheitet. Johnson ist weniger ein Premierminister als ein Revolutionsführer. Ihn stört es nicht, dass er von weniger als 0,3 Prozent der Wahlberechtigten – den Mitgliedern seiner Tory Party – zu ihrem „Leader“ gewählt wurde. Ein Politiker würde in dieser Position einen möglichst großen Konsens suchen. Ein Revolutionär, einmal an den Schalthebeln der Macht, setzt sie bedingungslos zur Erreichung seiner Ziele ein.
 
So wird das Schicksal seinen Lauf nehmen. Johnson wird Entwicklungen auslösen, die er nicht kontrollieren kann. Selbst seine eigenen Beamten warnen vor desaströsen Folgen des harten Brexit. Er baut vor: Seit Amtsantritt weist er unermüdlich „unseren europäischen Freunden“ die Schuld an einem derartigen Abgang zu. Wenn es dann soweit sein wird, wird die muntere Sündenbocksuche im Inland nicht lange auf sich warten lassen. Auch das kann man bei Clarke nachlesen: Auch der Erste Weltkrieg begann mit einer Aufwallung nationaler Gefühle.

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