Auf Messers Schneide

Es sind manche unglaubliche Details, die Zeitgeschichte so faszinierend machen. Zusammen ergeben sie dann oft die große Geschichte.

1955, für ältere Generationen das unvergessliche Jahr der Freiheit, das Staatsvertragswunder. Als der Kreml im Frühjahr plötzlich zu Verhandlungen nach Moskau einlud, waren zunächst ÖVP und SPÖ sehr skeptisch. Bundeskanzler Raab und Außenminister Figl waren letztlich dafür, auf gut Glück zu fahren.

Doch im SPÖ-Vorstand ging es nicht so glatt. Vizekanzler Schärf und Staatssekretär Kreisky waren dafür ausersehen. Doch Innenminister Helmer, assistiert vom Wiener Funktionär Otto Probst, war dagegen. Warum das? Ganz einfach: Man habe bisher alle Parteifunktionäre, die Moskau besucht hatten (etwa zu Maifeiern etc.), sofort aus der SPÖ ausgeschlossen. Das Argument von Schärf, dass die sowjetische Einladung von höchster Stelle etwas anderes sei, machte auf Helmer gar keinen Eindruck: Bei den Verhandlungen werde sowieso nichts herauskommen. Helmers Pessimismus, der seiner strikten antikommunistischen Haltung entsprang, führte dazu, dass er zunächst die Chance nicht sehen konnte, die in der Einladung lag. Erst als er merkte, dass er im Vorstand isoliert war, gab er nach. Schwer auszudenken, was geschehen wäre, wenn sich Helmer damals durchgesetzt hätte.

Reaktionen an: hans-werner.scheidl@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.09.2018)

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