Liebe Tochter!

Der obligate Weihnachtsbrief war überfällig, ich weiß. Jetzt kommt er mit gehöriger Verspätung bei Dir an. Denn in diesen Tagen geht so einiges durcheinander.

Das Chaos kann noch Wochen andauern. In Deinem früheren Kinderzimmer türmen sich die Kisten, Schachteln, Säcke. Du bist dabei, einen eigenen Haushalt einzurichten, gottlob nicht weit entfernt von der alten Heimstatt. Und ganz modern natürlich. Bin ja gespannt, was uns bleibt. Dutzende Videokassetten wahrscheinlich, Kinderzeichnungen, Mädchenbücher. Ob die gesammelten Schulzeugnisse in der Garage mit Dir übersiedeln? Zwei Kleiderkästen mit Klamotten sind noch zu sichten, ein kompletter Kasten mit verrückten Schuhen, Stiefeln, Stiefeletten mit und ohne Stöckel, Ballerinas, Turnschuhen (sagt man das noch so?). Das kann ja heiter werden.

Ob's wehtut? Ein bisschen schon. Und da können die Freunde uns hundertmal zu trösten versuchen, das sei eben der Lauf der Welt. Nein, das tröstet nicht. Völlig unnötig auch der dezente Hinweis, es habe schon vor uns Elternpaare gegeben, deren Tochter flügge wurde. Ja sicher. Aber bitte, so schnell? Wo sind die 22 Jahre hingekommen? Wie Sternenstaub haben sie sich aufgelöst, sind flüchtige Erinnerungen, langsam verblassend. Aber: Der Sternenstaub glitzert golden. Und sehr schön. (hws)

Reaktionen an: hans-werner.scheidl@diepresse.com



[P26YH]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.12.2018)

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