Salzgurken

Natürlich ist das Gesudere, früher sei alles besser gewesen, billiger Nonsens.

Aber Hand aufs Herz: Welchem heute Regierenden trauen wir zu, Bücher zu schreiben? Kommen sie doch oft nicht einmal dazu, welche zu lesen. Und, so fragen wir weiter: Welcher aktuelle Politiker unterhält privat ein großes Haus, lädt Künstler, Journalisten, Intellektuelle zur Frittatensuppe ein? Und geht dann mit seinen Hunden, die Abendgäste im Schlepptau, durch die Grinzinger Weingärten? Zum letzten Mal daher heute – versprochen – Bruno Kreisky. Sein Sekretär Wolfgang Petritsch hat soeben legendäre Sprüche des „Alten“ in Buchform gepresst und kommentiert. Dass dies heute schon nötig ist, sagt viel aus über die Flüchtigkeit der Zeitläufte. „Ich bin der Meinung“, war dabei eine beliebte Einleitung, aber eher von dürftiger Aussagekraft.

Platt blieb wohl auch ein unvergessliches Ereignis einst in der Kreisky-Villa. Ein ganzes Rudel junger Leute war zum Abendessen geladen, es gab Ente mit Rotkraut und Salzgurken. Als Ehrengast war Manès Sperber gekommen. Was würde der berühmte Autor („Wie eine Träne im Ozean“) den jungen Menschen mit auf den Weg geben? Man wartete gespannt. Jedoch: Das erste Wort des großen Autors geriet nur bedingt zur Weltliteratur: „Salzgurken“, rief der Weltberühmte, „Salzgurken!“ (hws)

Reaktionen an:hans-werner.scheidl@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.01.2019)

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