Tag der Freiheit

So prächtig der 8. Mai – erst seit einigen Jahren – gefeiert wird, so verschämt gedenken die Österreicher des 15. Mai. Warum eigentlich? Das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs ist zweifellos ein Anlass, sich der Schrecknisse jener Epoche würdig zu erinnern. Was aber dann folgte, war für das kleine Österreich eine Mutprobe sondergleichen. Das Land schwebte stets in der Gefahr, mittendurch zerschnitten zu werden, geteilt in West- und Ostblock. Österreichs Staatslenker der ersten Stunde bewiesen Mut, Standfestigkeit – und Versöhnungswillen. Ein Beispiel für alle Epigonen. „Sie aßen stets dasselbe, tranken schlechten Wein. Aber sie haben den Staat gerettet“, formulierte einst Gerd Bacher.

Als dann die Maitage des Jahres 1955 anbrachen, stand das Land im Bann der ersehnten Freiheit. Schluss mit der Bevormundung durch die vier Besatzungsmächte, Schluss mit der Ausbeutung heimischer Ressourcen durch die „Siegermächte“. Schon frühmorgens zogen Abertausende zum Belvedere, wo der Staatsvertrag unterzeichnet wurde. Und als Leopold Figl im Marmorsaal sein berühmt-heiseres „Österreich ist frei!“ rief, da war des Jubels kein Ende. Auf den Schultern meines Vaters war ich dabei. Warum ich ein rot-weiß-rotes Papierfähnchen winkte, wusste ich damals natürlich noch nicht. Ich würde es wieder tun. (hws)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2019)

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