Hochsaison

Und wieder einmal ein Besuch im Labor des Politikberaters Franz Xaver S. Der Bärtige im besten Mannesalter ist ein erschreckendes Bild des Jammers. Er beeindruckt durch tiefe Augenringe, fahle Gesichtsfarbe, müde Handbewegungen.

„Es fehlt leider der Schlaf“, seufzt er und vergräbt das Gesicht in den Händen. „Da, bitte – meine Honorarabrechnungen!“ Sensationell: zwei tägliche Auftritte im staatlichen TV, dazu Talk-Runden, Analysen, Diskussionen in diversen Privatsendern. Schier unmenschlich. Und bis September wird das so bleiben. „Unter uns: Ich weiß oft schon nicht mehr, was ich wo erzähle“, murmelt der Professor verzweifelt. „Also wiederhole ich tapfer, was ich in den Morgenblättern zusammenkratzen kann. Dass die SPÖ im Sinkflug sei, intern uneinig, auch wenn die Wahl von Frau Rendi-Wagner zur Kanzlerkandidatin einstimmig war. Ja, und dass die Volkspartei an den neuen Messias glaubt – ein sehr riskantes Unterfangen; dass der kommunistische Einzelkämpfer wieder bei den Grünen andocken möchte, dass die Freiheitlichen im Schockzustand seien. Und so halt.“ Man entfernt sich nicht ohne Mitleid mit dem menschlichen Wrack. Hoffentlich hält er uns noch bis Weihnachten durch. „Kürzlich saß ich im falschen Studio mit fremden Diskutanten. Aber es ist niemandem aufgefallen.“ (hws)

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.06.2019)

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