Quergeschrieben

Bei allem Respekt, hohe Herren: Was für unsägliche Vergleiche!

Das fast schon pathologische Herbeizerren von Vergleichen mit der NS-Zeit scheint zu einer Mode geworden zu sein. Eine eindringliche Bitte, darauf zu verzichten.


Unsägliche Vergleiche von aktuellen Ereignissen mit der Nazi-Zeit sind leider gang und gäbe. Zuletzt tat sich Bundespräsident Alexander Van der Bellen darin versucht – und leider auch Papst Franziskus. Offenkundig sind ein paar Klarstellungen geboten.

Erstens: Die aus Syrien, Afghanistan und anderen Ländern flüchtenden Menschen werden nicht aufgrund einer bestimmten Religion oder ethnischen Zugehörigkeit verfolgt. So tragisch ihr Schicksal ist: Sie sind Leidtragende von Umstürzen und Kriegen in ihren eigenen Ländern. Die Juden in Nazideutschland wurden jedoch verfolgt und ermordet – einzig und allein, weil sie Juden waren. Sie waren ganz gezielt Opfer einer wahnsinnigen Ideologie, eines wahnsinnigen Regimes und wahnsinnig gewordener Gesellschaften. Der Tod im Holocaust war kein Kollateralschaden eines Krieges.

Zweitens: Die meisten Asylwerber kommen nicht direkt aus den Kriegsgebieten zu uns, sondern aus Flüchtlingslagern in der Türkei, im Libanon und in Jordanien. Was hätten Juden in der NS-Zeit dafür gegeben, in genau solche Flüchtlingslager fliehen zu können. Hätte man sie nur entkommen lassen und hätte es vor allem Länder gegeben, die sie aufgenommen hätten.

Drittens: Als Beweis dafür, wie sehr Deutsche und Österreicher aus der Geschichte gelernt haben, dass Juden auf der Flucht vor den Nazis in kaum einem Land Aufnahme finden konnten, sollen jetzt die Grenzen für Flüchtlinge aus dem Nahen Osten und Afrika geöffnet werden. Damit werden Menschen gerade aus solchen Ländern die Pforten geöffnet, die heute den höchsten Grad an Antisemitismus haben. Sie profitieren quasi vom Leid jener Juden, die sie so hassen. Was für eine Ironie der Geschichte!

Viertens: Nur weil solche Flüchtlingslager umzäunt sind – auch mit Stacheldraht –, macht sie das noch nicht zu Konzentrationslagern, in denen Millionen Menschen bewusst und vorsätzlich gequält und ermordet wurden. Papst Franziskus verstieg sich jüngst zu der Aussage, viele Flüchtlingslager seien Konzentrationslager. Bei allem Respekt, Eure Heiligkeit: Was für ein absurder Vergleich!

Fünftens: In einem schlauen Schachzug ist es dem politischen Islam gelungen, den Begriff der Islamophobie im Schuldbewusstsein von Deutschen und Österreichern einzuprägen. Einerseits machen sie sich damit als „die neuen Juden“ auch vor berechtigter Kritik unangreifbar, andererseits verkehren sie die Situation auch noch ins Gegenteil: Die Moslems von heute würden verfolgt wie damals die Juden in der Nazi-Zeit. Daher müssten wir heute den Moslems beistehen, was damals gegenüber Juden so sträflich unterblieben sei. Aber mit Verlaub, Herr Bundespräsident: Was für ein Unterschied!

Sechstens: Phobien sind exzessive Angstreaktionen beim Fehlen einer akuten äußeren Gefahr oder Bedrohung. Aber eigentlich müsste jeder vernünftige Mensch wissen, dass Juden weder Terroranschläge verübt noch versucht haben, Europa zu judaisieren. Ganz im Gegenteil – das Judentum gebietet nachgerade das Gegenteil einer Missionierung, und der Wunsch nach Erringung der Weltherrschaft entsprang nur der Fantasie der Antisemiten.

Es gibt einen weiteren wichtigen Unterschied zwischen Judentum und Islam: Im Judentum gilt das talmudische Prinzip „Dina de Malchuta Dina“, was so viel heißt wie: Das Gesetz des Landes ist Gesetz. Demnach sind Juden verpflichtet, die Gesetze des jeweiligen Landes zu respektieren und zu befolgen. Sofern es sich also nicht um einen Unrechtstaat handelt, stehen die staatlichen Gesetze über den Regeln der Halacha, des jüdischen Gesetzes.

Das ist drin:

  • 3 Minuten
  • 548 Wörter

Sie sind bereits Abonnent?

Klicken Sie hier, um sich einzuloggen

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2017)

Die Presse - Testabo

Testen Sie jetzt „Die Presse“ und „Die Presse am Sonntag“ sowie das „Presse“-ePaper und sämtliche digitale premium‑Inhalte 3 Wochen kostenlos und unverbindlich.

Jetzt 3 Wochen testen
Meistgelesen
    Meistgekauft