Heinz Fischer kann ja fernsehen

Bundespräsident Fischer muss wegen seiner Abwesenheit bei den Trauerfeierlichkeiten für Nelson Mandela heftige Kritik einstecken. Das ist ungerecht.

Über Bundespräsident Heinz Fischer ist ein sogenannter Shitstorm in den social media hereingebrochen, weil er nicht zu den Trauerfeierlichkeiten für Nelson Mandela nach Südafrika gereist ist. Von ungeheurer Peinlichkeit und von Blamage für Österreich ist da die Schreibe - und bei Grün-Chefin Eva Glawischnig sogar die Rede. Politisch ist die Aufregung vielleicht korrekt, ich finde sie dennoch ungerecht und unverständlich.

Wirklich peinlich und eine wahre Blamage für Österreich war die Verabschiedung per Handschlag des Terroristen Carlos nach dem Überfall auf die Opec in Wien 1975 durch den damaligen Innenminister Otto Rösch. Oder die Begrüßung per Handschlag des verurteilten Nazi-Verbrechers Walter Reder durch den damaligen Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager 1985.

Unverständlich ist die Aufregung über Fischers Reiselust auch aus einem anderen Grund: Fischer will halt auch bedeutend sein. Und das ist er in Tagen der Regierungsverhandlungen in Wien oder unter seinen sozialdemokratischen Ideologiefreunden bei einer Rede bei einer Gedenkfeier für Willy Brand doch eher als unter 70 Staatschefs und Zehntausenden in einem Fußballstadion in Johannesburg. Dort kennt ihn vielleicht niemand oder verwechselt ihn gar mit dem Gerneralgouverneur von Australia. Wem, bitte, soll aufgefallen sein, dass Österreich nicht vertreten war?

Zwar würde es auch keine Rolle spielen, wenn diese rot-schwarze Regierung ein oder zwei Tage auf ihre Angelobung warten müsste. Die Bevölkerung wird das ewig Gleiche auch noch erwarten können. Aber man muss doch Verständnis haben: Für Heinz Fischer könnte das die letzte Angelobung einer SPÖ-geführten Regierung sein. Wenn alles (aus seiner Sicht) gut geht, dann gibt es für Fischer bis zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2016 keine Bundesregierung mehr anzugeloben. Wenn es schlecht geht (aus seiner Sicht), müsste er nach vorzeitigen Neuwahlen womöglich einen FPÖ-Kanzler angeloben. Auch deshalb sind die Ereignisse zu Hause wichtiger für seine Bedeutung als das Gedenken „an den letzten großen Befreier des Jahrhunderts", wie US-Präsident Barak Obama gestern Mandela nannte.

Heinz Fischer täte übrigens gut daran, sich diese Rede Obamas im Fernsehen anzusehen oder auf Youtube immer wieder abzurufen. Es könnte auch in der zweiten Hälfte der zweiten Amtszeit nicht schaden, zu sehen, was große Rhetorik ist. Die Journalisten der BBC waren bei der Übertragung so hingerissen von Inhalt und Art der Rede, dass sie sich zu der eigenartigen Frage verstiegen: Was ist es im Trinkwasser der USA, das es so große Rhetoriker gibt wie Obama oder Bill Clinton oder Martin Luther King?
Fischer könnte bei einem Glas Quellwasser von der Hohen Wand darüber sinnieren, ob ihm je so ein Satz einfallen würde: „Mandela befreite nicht nur die Gefangenen, er befreite auch die Wärter." Oder ob er zu so viel Selbstkritik fähig wäre wie Obama in diesem Fußballstadion ("Auch ich stelle mir die Frage, habe ich genug getan, um meine Ideale umzusetzen?“).

Zu einer solchen Nachdenklichkeit muss man nicht nach Johanisburg reisen. Denn, ehrlich, wer wird in Südafrika Österreich vermissen? Oder wer hätte in Österreich Fischer ein paar Tage vermisst? Verständnis für die Sehnsucht nach der eigenen Bedeutung muss schon sein.

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