Unverwüstliche Weihnachten

Was für ein globaler Advent! Wut statt Freude, Angst statt Zuversicht. Dabei kündigt das Gefühlsbarometer noch stärkere Stürme an.

Jump! You fuckers!“, schreien Demonstranten in den Straßenschluchten von Manhattan und meinen die Geldalchemisten in den Hochhausetagen. Weltweit zittern Millionen Automobilarbeiter um ihre Jobs. Die Rezessionsangst rückt näher wie ein Tsunami am Horizont. Was für ein globaler Advent! Wut statt Freude, Angst statt Zuversicht. Dabei kündigt das Gefühlsbarometer noch stärkere Stürme an.

Werden sie auch unsere Insel erreichen? In den (noch) beruhigten Zonen Europas gilt Business as usual als bestmögliche seelische Schonhaltung. Der gewohnte Punschnebel liegt in der Luft. Die Wiener Polizei kontrolliert schärfer. Empfindliche sollten lieber Kinderpunsch trinken, so heißt es.

„Advent“ ist nach altem Sprachgebrauch die Erwartungszeit vor dem Gedenken an die Ankunft des Herrn, eine Zeit der konzentrierten Stille und Vorfreude auf das zeitenwendende Glaubensereignis. Fast nichts davon bestimmt unseren Alltag. „Lieber Gott, sag dem Christkind, es ist zum Speiben“, beschrieb Niki Glattauer vor zwei Jahren im „Standard“ seine Eindrücke in der damaligen Vorweihnachtszeit.

Was sagt der Engel im Lukas-Evangelium? Er sagt nicht: „Ich verkünde euch ein großes Problem“, sondern: „Fürchtet euch nicht. Ich verkünde euch eine große Freude, heute ist euch der Heiland geboren worden.“ Die staunenden Hirten begriffen nichts, aber eilten nach Bethlehem. Heute begegnen wir Scharen aufgeklärter Aufklärer, die sich in Amerika „Brights“ nennen. Sie wissen alles und bleiben sitzen. Doch die Schrift an der Wand verstehen sie nicht zu lesen.


Mit Empathie für Neues interessieren

In seinem Abschiedsbuch „Winter in Wien“ hat Reinhold Schneider 1957/58 notiert: „Ich sage nicht, dass der das Gute findet, der es sucht. Aber wer das Schlechte sucht, findet es gewiss. Und es kennzeichnet uns, es brandmarkt uns, dass wir die das Böse Hervorziehenden für klug halten, die das Gute Betonenden für schwach begabt. Und doch erfordert es sehr viel mehr Verstand, das Gute zu erkennen als das Schlechte, verlangt die Darstellung der Vorzüge weit mehr Begabung als die der Fehler.“

Wie hat Augustinus die Wahrheit gesucht? Lange Zeit war er eine Art sinnenfroher „Bright“ seiner Tage. Ein Intellektueller, der dem Christenglauben nicht zu folgen vermochte: widersprüchliche Texte, unglaubwürdige Zeugnisse, so empfand es der junge Professor. 13 Jahre lang dauerte sein geistiges Ringen. In den „Confessiones“ gibt er darüber einzigartige Rechenschaft. Den Moment seiner endgültigen Umkehr schildert er im achten Kapitel. In quälender Selbstprüfung verfangen, hört er ein spielendes Kind singen: „Tolle lege, tolle lege!“ – Nimm und lies (was Augustinus auch, mit dem Römerbrief, tut).

In den autoreferenziellen Mechanismen unserer Tage glauben die Selbstgenügsamen, nichts mehr „nehmen“, also nicht den gewohnten Kreis des längst Gekannten überschreiten zu müssen. Und „lesen“? Lesen heißt auch „auflesen“ und sich mit Empathie für Neues interessieren. „Weil sie nichts suchen, finden sie nichts“, hat der Religionsphilosoph Lucien Laberthonnière 1904 (in einem Buch über den Konflikt zwischen „Fides et ratio“) über die blutleeren Aufklärer gesagt.


„The world is out of joint“

Was für einen Advent erleben wir heute in Österreich? Der Caritas und den Wohlfahrtsverbänden geht das Geld aus – „Licht ins Dunkel“ heruntergedimmt. Die Jahresendrallye der Börsianer wird zum Erlebnis des täglichen Absturzes. Nur auf den Weihnachtsmärkten herrscht noch der übliche Trubel. „Wir schützen euch!“, signalisiert die Politik den Verunsicherten. Doch das „Cocooning“, das die alt-neuen Koalitionspartner betreiben, will nicht richtig gelingen. In vielen Belegschaften spürt man das zunehmende Zittern. Die Kurvenausschläge des globalen Geschehens erreichen auch die heimischen Bildschirme.

Wo bleibt das Positive, Herr Doktor? Kommt noch. Aber warum sollte man nicht in diesem Advent von symbolhaften Ereignissen sprechen? Davon zum Beispiel, dass in Südchina bereits zehntausende Betriebe geschlossen wurden, weil ihre Produkte im Westen keine Abnehmer mehr finden. Davon, dass im nächsten Jahr in den USA die Kreditkartenblase platzen könnte – mit globalen Folgen für alle. Davon, dass manche Experten eine neue Rohstoffhausse fürchten, die die Ärmsten der Armen tödlich beträfe. „The world is out of joint“, sagt Hamlet. Wer das so sieht, sollte die Metabotschaft zu deuten verstehen. Globalisierung, Klimawandel, Welthunger und Migrationsströme werden ein Umdenken erzwingen.

„Das Uncoole könnte die wahre Kraft des Christentums in einer cool sich säkularisierenden Welt sein“, drechselt ein Leitartikler der „Süddeutschen Zeitung“. Für Christen ist Weihnachten der Moment jenes vollkommen Neuen, das die Erfahrung aller Weltimmanenz überholt: der Geburt des Gottessohnes, der durch seinen Tod alle Menschen erlöste. Das Weihnachtsfest ist daher auch ein Fest tiefer Empfindungen: der Dankbarkeit, Liebe und Versöhnlichkeit, der Begegnung mit Armen, Ausgestoßenen und Fremden. Das Weihnachtsmysterium hat eine Verwandlungskraft, die unerschöpflich ist.

Die gewöhnliche Realitätserfahrung hat damit selten zu tun. Nicht wenigen ist die weihnachtliche Gefühlsüberforderung einfach zu viel. Für die einen ist Weihnachten Kindheitserinnerung, erhoffte Familieneintracht, ein glitzernder Konsumhöhepunkt – für andere die gesteigerte Erfahrung von Einsamkeit, bitterem Streit oder Neid auf Betuchte.

Doch Weihnachten lässt sich nicht begrenzen auf das Spektrum von „Süßer die Kassen nie klingeln“ bis zu den überbuchten Sprechstunden von Therapeuten. Weihnachten ist die Möglichkeit, alle inneren Beengtheiten zu sprengen und in der Liebe des Krippenkindes jene Freiheit zu ahnen, zu der alle Menschen berufen sind. Weihnachten ist Bewegung, nicht Stillstand, Metamorphose, nicht Unabänderlichkeit; Weihnachten ist das Wissen, gerettet zu sein, nicht geworfen in ein sinnloses Dasein.

Wer seelische Erfüllung sucht und bei Wellness landet, hat das Geschenk von Weihnachten nicht begriffen. Wer, vorweihnachtlich gestimmt, meint, soziale Wohltaten sollten gesichert, Fremde besser integriert werden – gut so. Wen die Not der Obdachlosen zum Spenden bewegt – gut so. Doch die Botschaft von Weihnachten geht darüber hinaus. Das Kind in der Krippe war obdachlos, nicht sozialversichert und von Verfolgung bedroht. Warum spricht uns dieses Bild eines verletzlichen Neugeborenen, abgeschoben in einen Stall, unter dem warmen Atem von Ochs und Esel, so an? Weil es uns daran erinnert, dass sich das Größte im Kleinsten verbergen kann, dass unsere Lebensfahrt ungesichert ist bis zum Ende, dass uns aber ein Stern aufgegangen ist mit diesem Kind.


Ein Großangebot an Glücksderivaten

Am 19. Dezember 1944, vier Monate vor seiner Hinrichtung, schrieb Dietrich Bonhoeffer aus seiner Gestapo-Zelle einen Weihnachtsbrief, dem er ein neues Gedicht aus seiner Feder beilegte. Der Protestant, der aus dem Glauben zum Widerstand kam, beendete das Gedicht – ganz uncool – mit den Zeilen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, / erwarten wir getrost, was kommen mag. / Gott ist mit uns am Abend und am Morgen / und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Heute steht der Mensch, der sich als Marktteilnehmer versteht, vor einem Großangebot von Lebens- und Glücksderivaten. Doch Weihnachten ist und bleibt die Ankunft jener Hoffnung, die unüberbietbar ist. Es mögen sich die Festgebräuche verändern – die Botschaft bleibt unverwüstlich. Unverwüstlich auch in den Wüstenstrecken des menschlichen Daseins.

Dr. Paul Schulmeister war von 1972 bis 2004 beim ORF, insgesamt 15 Jahre Deutschland-Korrespondent in Bonn und Berlin. Seither freier Journalist in Wien.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2008)

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