Städte brauchen Hosenträger

Unsere Städte rinnen immer mehr aus.

Der „sprawl”, der Siedlungsbrei im Umland der Städte wird immer größer. Nirgendwo wächst Österreich stärker. Die Hauptverursacher dieser Entwicklung sind das Automobil und kurzfristig denkende Kommunalpolitiker. Beispiel A21, Allander Autobahn: Nichts hat die Zersiedelung des südlichen Wienerwaldes mehr beschleunigt als diese Straße. Plötzlich war es möglich, in bloß 20 Minuten im Grünen zu sein – bevor dann der Stau nachfolgte. Zehntausende machten davon Gebrauch, zogen ins Umland und organisierten ihr Leben rund um die zwei (oder drei) Autos, die man dort haben muss. Denn weder kann es dort einen leistungsfähigen öffentlichen Nahverkehr, noch fußläufige Nahversorgung geben. Für nahezu alles muss man ins Auto steigen.

Aber diese Autobahnen ziehen nicht nur das Wohnen aus der Stadt an. Exakt diese Straßen lassen riesige Einkaufszentren aus dem Boden schießen und ruinieren damit die urbane Nahversorgung, die auch und vor allem für Fußgänger da ist.

Im Prinzip hat die Straßenbahn dieselbe Wirkung, nur in segensreicher Weise. Entlang hochrangiger öffentlicher Verkehrsmittel entwickelt sich auch „Stadt”. Straßenbahnen beleben Straßen und halten, im Unterschied zu Autobahnen, quasi wie ein Hosenträger die Stadt zusammen.

Weltweit haben das kluge Bürgermeister verstanden. Der Neubau von Straßenbahnen boomt in Frankreich, in Italien. Bei uns gibts ein Problem: Die Wiener U-Bahn wird zur Hälfte vom Bund bezahlt. Für Straßenbahnen gibts bisher gar nichts. Da Politiker nichts lieber tun, als der anderen Gebietskörperschaft Geld abzuluchsen, boomt der (teure) U-Bahn- und stockt der (billigere) Straßenbahnausbau.

Geld ist genug da: Sagenhafte 1,5 Mrd. Euro Steuereinnahmen beschert uns der Tanktourismus jährlich. Zum Vergleich: der Klimafonds des Bundes hat 500 Mio. Euro. Nicht jährlich, sondern für vier Jahre.

Würde der Bund neue Straßenbahnen nicht nur für Wien, sondern ebenso für Graz, Linz und Innsbruck kofinanzieren, wäre das nicht nur eine der wirksamsten Strategien zum Klimaschutz, sondern ebenso ein genialer städtebaulicher Hosenträger. Neue Straßenbahnen verdichten das Stadtwachstum und verhindern den teuren, unökologischen und asozialen sprawl.


chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.04.2008)

Kommentar zu Artikel:

Städte brauchen Hosenträger

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen