Zeit für Sinnvolles

Das Potenzial der „freien Zeit” ist erst ansatzweise genutzt.

Ein schlauer Kopf hat einen interessanten Vergleich gemacht. Er hat errechnet, wie viel freiwillige Arbeit das Wunderwerk Wikipedia geschaffen hat, und kam dabei auf 100 Mio. Stunden. Und dann verglich er dies mit der Zeit, die US-Amerikaner vor dem Fernseher verbringen.

Wir Österreicher sitzen jährlich ca. fünf Milliarden Stunden vor dem TV-Schirm. Mit diesem „Aufwand” könnten 50 Wikipedias geschaffen werden.

Rechnen wir weiter. Was ist das wert? Denn Zeit ist ja Geld, sagt nicht nur der Volksmund. Wikipedia ist kein kommerzielles Unternehmen, notiert an keiner Börse, hat deswegen keinen Tauschwert, nützt aber Milliarden von Menschen, und hat einen gewaltigen Gebrauchswert. Was würde Wikipedia kosten, wäre es kommerziell? Welcher „Wert” wurde hier durch freiwillige Arbeit erbracht?

Den Eigentümern der Suchmaschine Yahoo, die etwa ebenso oft angeklickt wird wie Wikipedia, waren 45 Mrd. Dollar Kaufpreis, das hatte Microsoft geboten, zu wenig. Man wird nicht so falsch liegen, diese Größenordnung auch als „Tauschwert” von Wikipedia anzunehmen. Ja klar: Alle diese Zahlen sind fiktiv.

Sie sollen aber eines zeigen: Eine der grössten gesellschaftlichen Veränderungen der vergangenen Jahrzehnte liegt im enormen Zuwachs von Freizeit. Hier soll nicht gesagt werden, dass nur hinter dem Computer zu sitzen und Wikipedia weiterzuentwickeln eine sinnvolle Tätigkeit darstellt. Aber es gibt eine zentrale, gesellschaftliche Frage: Könnte ich, sei es in meiner Umgebung, sei es im internationalen Rahmen, meine „freie Zeit” dafür verwenden, etwas Sinnvolles, auch Freude Stiftendes unternehmen, etwas, das die Welt besser macht? Beispiele dafür gibt es zuhauf. Aber das Potenzial der „freien Zeit” ist erst ansatzweise genutzt.

Richard Sennet schreibt in seinem lesenswerten Buch „The Craftsman”, welches nur unzureichend mit „Handwerk” übersetzt ist, vom fundamentalen Impuls des Menschen, eine Tätigkeit um ihrer selbst willen gut zu machen.

Fänden mehr Menschen Zeit, gerade mit Jugendlichen Sinnvolles, Aufregendes zu unternehmen, käme es wahrscheinlich seltener vor, dass diese, schlicht weil ihnen „fad im Schädel“ ist, Passanten zu Tode prügeln.


chorherr.twoday.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.05.2008)

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