Lasst uns in Ruhe!

"Mehr Gelassenheit in der Erziehung" fordert der "Spiegel". "Noch nie waren Eltern so fürsorglich wie heute", warnt die "Zeit". Lasst uns in Ruhe! Sage ich.

Mit der Kindererziehung ist das wie mit den Augenbrauen: Sie unterliegt der Mode. Wie hätten sie es denn heuer gerne? Natürlicher Wildwuchs oder etwas kultivierter? Streng gerade oder doch ein bisschen sanfter? Laisser-faire oder autoritär? Ich habe durchaus schon einige Moden mitgemacht (weniger bei den Augenbrauen, mehr bei der Kindererziehung): In meinem Regal steht der Ratgeber „Kinder brauchen Grenzen“ gleich neben dem Gender-Klassiker „Typisch Mädchen“ und einer Anleitung zur Babymassage. Aber kaum habe ich den letzten Trend verarbeitet, kommt schon der nächste, diesmal sogar ziemlich geballt, immerhin hat er es gleichzeitig auf das Cover der „Zeit“ und des „Spiegel“ geschafft. Der Trend nennt sich „Schmeißt alle Ratgeber weg und kauft den da“. Oder anders formuliert: „Übermütter sind bäh.“ Im Grunde geht es darum, Kindern nicht mit überzogener Fürsorge zu schaden – und statt in Bücher zu starren wieder mehr den eigenen Instinkten zu vertrauen. Ratgeber sind out. Gefühle sind in.

Hugh.

Jetzt lasse ich mir die Ratgeber ungern madig machen: Ich finde Ratgeber klasse. Als ich im Alter von 16 damit liebäugelte, Marihuana zu probieren, bin ich in die örtliche Bücherei geradelt und mit sechs Werken zum Thema Drogenkonsum zurückgekommen; ich habe alle sechs durchgelesen – und das mit dem Marihuana bleiben lassen. Als ich mit Hannah schwanger war, habe ich den GU-Band „Unser Baby“ auswendig gelernt und an einem Teddy geprobt, wie man ein Neugeborenes hält. Kann sein, ich hätte instinktiv eh gewusst, dass man den Kopf stützen muss. Aber ehrlich: Darauf wollte ich es nicht ankommen lassen. Ich bezweifle auch, dass mein Gefühl mir geraten hätte, in der Schwangerschaft den Kontakt mit dem Katzenklo zu meiden (von wegen Toxoplasmose). Und vor allem weiß ich nicht, ob ich mich ohne Ratgeber gegen all die wohlmeinenden Leute durchgesetzt hätte, die der neugeborenen Marlene bei 35 Grad ein Mützchen verordnet hätten. Oder Hannah einen Drei-Stunden-Stillrhythmus.

Ich weiß, ich klinge genervt. Das bin ich auch. Was mich an dem neuen Trend am meisten stört, ist die Tatsache, dass man uns Eltern Angst einjagt. Unter dem Vorwand, uns zu entlasten! Ihr könnt euch entspannen, sagen sie. Aber wehe, wenn nicht, dann schadet ihr euren Kindern! Ihr sollt Gelassenheit üben. Aber zackig! Sonst braucht euer Nachwuchs wirklich einen Therapeuten! Wenn Kinder so robust sind, wie jetzt behauptet, wenn es wirklich reicht, sie nicht in einen Schrank zu sperren und nicht mit einer Pfanne auf den Kopf zu hauen, wie einer der Experten es hübsch griffig formuliert – dann werden sie ein bisschen Überfürsorge auch noch aushalten.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2009)

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