Der verbissene Mann auf dem Rennrad

Ich weiß nicht genau, wovor er so verbissen davonstrampelt auf seinem schnittigen Rennrad. Vor dem Alter? Vor dem Unglück? Vor der Langeweile?

Symbolbild Mann auf einem Rennrad
Symbolbild Mann auf einem Rennrad
Symbolbild Mann auf einem Rennrad – (c) Bilderbox

Und dann radle ich den Donaukanal entlang, rechts von mir glitzert das Wasser, links von mir raucht ein Graffitischwein einen Joint, vor mir steht die Sonne – schon tiefer als vor einem Monat. Bald wird sie, wenn ich abends nach Hause fahre, hinter der Brücke untergehen und die Urania in rotes Licht tauchen. Es weht ein warmer Wind. Der kleine, dünne Mann mit dem großen, gutmütigen Terrier ist wieder auf der Hundewiese, heute übt er mit ihm auf Kommando Stöckchen loslassen. Ein Pärchen küsst sich auf einer der Bänke – so küssen nur frisch Verliebte. Eine schlohweiße Inderin sitzt auf einem mitgebrachten Klappstuhl, die Hände im Schoß. Das Grün des Ahorns ist schon braun angeknabbert, die Weide lässt ihre Blätter in den trägen, grünen Fluss hängen. Hin und wieder gleitet eine einsame Möwe vorüber.

Ich träume vor mich hin.


Funktionskleidung. Da braust ein Rennradler von hinten heran, so knapp fährt er an mir vorbei, dass er mich touchiert. Ich komme ins Schleudern, mehr aus Schreck, fange mich ab, bremse, bleibe stehen. Da ist er schon längst vorüber, ich sehe von ihm nur mehr seinen Rücken, schwarze Funktionskleidung, einen grauen Helm. „Weiter rechts fahren!“, brüllt er mir noch zu, aber er schaut sich dabei nicht um. Diese Typen schauen sich nie um. Sie starren immer nur geradeaus.

Ich kenne sie. Solche Männer – fast ausschließlich sind es Männer – fahren dicht über ihr Rennrad gebeugt. Die meisten sind älter. Wie alt genau, ist schwer zu sagen, weil sie oft ausgezehrt aussehen und verhärmt. Sie weichen nicht aus, sie erwarten selbstverständlich, dass du ihnen aus dem Weg gehst, so wie diese Typen in öffentlichen Bädern, die stur ihre Bahnen kraulen, egal, wer da komme.

Verachten sie uns? Die wir einfach nur zur Arbeit radeln wollen, am Wochenende hin und wieder auf die Donauinsel oder ins Bad? Die wir nicht wissen, wie weit wir heute gefahren sind, mit welchem Puls und wie viele Kalorien wir dabei verbrannt haben? Sicher ist: Wir stören. Wir sind da, wo wir nicht hingehören. Zu weit rechts. Zu weit links. Vor ihnen an der Ampel. Und dann fahren wir auch noch zu langsam los.


Ein Rekord? Wovor radelt der Rennfahrer mit der schwarzen Funktionskleidung am Donaukanal eigentlich davon? Ist es das Alter? Ist es das Unglück? Die Langeweile? Aber was ändern da die paar Sekunden, die er verloren hätte, wenn er einen Meter weiter links gefahren wäre? Hätte ihm das einen Rekord vermasselt? Oder brauchte er nur jemanden zum Anbrüllen?

Ich brülle jedenfalls nicht zurück. Und ich sage auch nichts.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2018)

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