Trockenstress

Mein Weg zur Arbeit führt am Donaukanal entlang, dort blüht gerade der Flieder. Ja, glaubt er denn, es sei Frühling? Weiß er nicht, dass der Frost kommt?

BLühender Flieder
BLühender Flieder
BLühender Flieder – (c) imago/Karina Hessland (KH)

Wir dachten, es sei schon zu spät für die Wachau. Zu kahl die Bäume und Sträucher Mitte Oktober, zu kühl die Abende, um noch draußen zu sitzen beim Buschenschank in Spitz an der Donau, die Weingärten im Blick, die sich an steile Hänge schmiegen. Aber dann haben wir uns doch entschlossen loszufahren und es war wunderschön, rostrot, ocker und golden leuchtete es vom Wegrand her, die Donau glitzerte vor sich hin und eine Weide ließ ihre Blätter auf uns regnen als wären es Konfetti. Die Sonne jagte die letzte Süße in den schweren Wein – auch wenn wir den Veltliner lieber leicht und trocken trinken und ihm die südlicheren Tage vielleicht gar nicht gut tun.

Aber wem tun sie schon gut, außer uns, die wir in kurzen Hosen und mit Sonnencreme auf der Nase durch die Wachau radeln und uns beglückwünschen. Was für ein Herbst! Und wir mittendrin.


Trockenstress. Mein Weg zur Arbeit führt am Donaukanal entlang, dort blüht gerade der Flieder. Ja, glaubt er denn, es sei Frühling? Weiß er nicht, dass es bald Frost gibt? Man kann freilich schnell durcheinander kommen bei 23 Grad im Oktober, die Menschen reißen die Fenster auf und baden in der Alten Donau, die Bäume treiben aus. Auch so mancher Apfelbaum in Niederösterreich trägt weiße Blüten, so schön und so traurig. Das Phänomen hat nämlich einen Namen: Trockenstress.

Nein, sagt die Nachbarin. An den Klimawandel glaubt sie nicht, manchmal ist es halt heiß, dann wieder kalt, das war schon immer so und ich soll mich an Ostern erinnern: Was haben wir über den Schnee geklagt.

In Süditalien.
Die Wetterapp auf meinem Handy zeigt neben der Prognose für Wien auch die für Tel Aviv, Triest und Polignano an. Es sind die Städte, die mir am liebsten sind, in die ich mich gerne hinträume an öden Tagen und verregneten Wochenenden. Nur: Kaum ein Wochenende der letzten Monate war verregnet und geht es nach meiner Wetterapp, liegt Wien längst in Süditalien: Am Dienstag sind 21 Grad und Sonnenschein in Polignano angesagt, 22 Grad und Sonnenschein bei uns, am Mittwoch ist es umgekehrt, so geht es seit Monaten, seit dem Ende der Kältewelle Anfang April, manchmal ist es hier um ein, zwei Grad wärmer, manchmal dort.

Ach, sagt die Nachbarin, es gebe halt das Wetter und es gebe das Klima, überhaupt mag sie darüber nicht reden, das sei nicht ihr Thema. Es ist ja offenbar niemandes Thema, der Flieder blüht und die Reben leuchten, die Nächte sind fein kühl und am Tag brauchen wir keinen Schal und wir genießen das.

Solange wir es können.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

www.diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2018)

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