Sie war unerreichbar

Wenn man von seiner ersten Liebe berichtet, wie ich hier letzte Woche, bekommt man viele herzzerreißende Geschichten zurück: Die schönste erzähle ich hier nach.

Er hatte sich im Schulbus in sie verliebt. Wenn er einstieg, saß sie immer schon an ihrem Platz, links hinten, am Fenster. Sie hörte Musik mit ihrem Walkman und ignorierte alle. Auch ihn, natürlich. Er war 13 Jahre alt und ging in die vierte Klasse. Sie war 14 und schon in der Oberstufe. Einmal setzte er sich neben sie, weil sonst nirgendwo etwas frei war. Er fragte, was sie gerade höre. „Bowie“, sagte sie. Mehr nicht. Ab diesem Zeitpunkt stieg er immer als Letzter ein. Aber entweder saß schon ein anderer bei ihr, oder im Bus waren sowieso genug Plätze frei und er traute sich nicht.

Sie war unerreichbar.

Er heiratete eine andere. Diese Ehe ging in die Brüche, weil sie viel zu jung geheiratet hatten. Die nächste, weil er, wie er sagte, „deppert war“. Ich habe nicht gefragt, was er damit meinte. Weil es darum auch gar nicht ging. Es ging darum, dass er nie aufgehört hat, an seine Jugendliebe zu denken. Er würde sie sofort zur Frau nehmen, sagt er. Jederzeit! Nur fragen, das würde er sie nie. Als er mir das erzählte, strahlte er und wirkte gar nicht unglücklich.

Träumen. Es ist eine schöne Geschichte – darüber, dass es manchmal wunderbar ist zu träumen, solange das Leben weitergeht. Und darüber, dass man manchmal wohl ahnt, dass ein Wunsch so groß und so beglückend sein kann, dass keine Erfüllung an ihn heranreichen würde. Am schönsten aber war, was er von Allerheiligen erzählte. Nach wie vor fährt er jedes Jahr am 1. November in sein Heimatdorf in der Steiermark und geht dort auf den Friedhof. Nicht, weil er katholisch wäre. Ihn habe auch der Besuch von Gräbern nie getröstet. Um der verstorbenen Lieben zu gedenken, reichen ihm ein paar ruhige Minuten allein auf dem Sofa, vielleicht mit einem Fotoalbum auf dem Schoß. Nein, er gehe dorthin, weil das Grab seiner Großeltern direkt neben dem Grab ihres Vaters liege. Und er weiß: Eine halbe Stunde vor Beginn des Totengedenkens wird sie dort auftauchen und ein Lichtlein anzünden.

Dann begrüßt er sie, von Grab zu Grab, und er fühlt, dass sein Herz noch schlägt.

Und wachen.
Ich bin wohl nicht so romantisch. Als ich meiner ersten Liebe viele Jahre später über den Weg lief, empfand ich jedenfalls: nichts. Wir begrüßten uns freundlich, plauderten ein bisschen, über unsere Jobs, unsere Leben, über unsere Kinder. Kaum über früher. Wir gingen auseinander, ohne Telefonnummern auszutauschen. Vorher gaben wir uns noch ein unbekümmertes Bussi links und rechts.

Warum ich ihn geliebt habe, wusste ich da längst nicht mehr.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.12.2018)

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