Worum es beim Geld wirklich geht

Man glaubt ja immer, beim Geld gehe es um Häuser oder Autos oder teure Handys, und zum Teil stimmt das ja auch. Aber in Wirklichkeit bedeutet es vor allem weniger Sorge.

Der Boiler war kaputt. Ein paar Wochen wollte ich es nicht wahrhaben, dann begann ich mich zu ärgern, schließlich badeten wir nur mehr in einer Handbreit Wasser, und unsere ältere Tochter sprach ein Machtwort. Es muss etwas geschehen! Also rief mein Mann den Handwerker an. Der kam überraschend schnell, ließ 150 Liter Wasser aus, erneuerte eine Leitung, putzte den Kesselstein weg und stellte dann fest: Die Anode ist kaputt. Die musste er erst holen, das dauerte.

Der Handwerker arbeitete insgesamt sechs Stunden. Am Ende nickte er zufrieden, packte seine Sachen und erklärte, die Rechnung werde uns in den kommenden Tagen zugeschickt.

„Blöd gelaufen“, sagte mein Mann. „Da hätten wir ja gleich einen neuen kaufen können“, sagte ich. „So alt ist der Boiler auch wieder nicht“, sagte mein Mann. „Ach, egal“, sagte ich. Dann gingen wir zur Tagesordnung über und redeten über Marlenes neue Haarfarbe, Hannahs verrückten Professor und die Holzwand in der Küche, die dringend einen neuen Anstrich vertragen könnte.

In der Nacht schlief ich gut.


Hunderte Euro! Am nächsten Morgen war ich besonders gut gelaunt: Mir ist aufgefallen, wie super das ist. Hunderte Euro, die wir zahlen müssen – und es ist kein Problem! Man glaubt ja immer, beim Geld gehe es um Autos oder teure Uhren oder große Geschenke zu Weihnachten, und zum Teil stimmt das ja auch. Aber vor allem bedeutet es: weniger Sorgen. Die Waschmaschine ist kaputt? Dann kaufen wir halt eine neue. Das Kind braucht 250 Euro für die Klassenfahrt? Aber gern! Den letzten Bus versäumt? Wir rufen uns ein Taxi! Ob man sich im Urlaub den Fuß verstaucht, den Schlüssel in der Wohnung vergessen hat, ob einem das Rad geklaut wurde oder man eine Wurzelbehandlung samt Krone braucht – wenn man genug Geld hat, ist vieles zumindest nicht ganz so schlimm.

Aber wenn man wenig hat? Wenn man bangen muss, ob der Elternverein einen Zuschuss bewilligt, nicht weiß, wie man die neue Waschmaschine finanzieren soll, wenn jede unvorhergesehene Ausgabe den Rahmen sprengt? Wie viel Kraft bleibt da noch übrig für den Alltag, die Arbeit, für die Kinder?

Ich weiß es nicht. Ich habe es nie erleben müssen. Ich hatte Glück und habe es noch immer. Und Sie, die Sie das hier lesen, mit großer Wahrscheinlichkeit auch. Schönen Advent!

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.12.2018)

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