Stadt am Meer

Und wieder sind wir hier, mittlerweile zum vierten Mal, in der kleinen Stadt am Meer. Vom Wiederkommen. Und vom Abschiednehmen.

Was hat sich denn verändert? Nicht viel. Das Haus mit dem alten Uhrtürmchen an der großen Piazza ist frisch renoviert, in tiefem Grün glänzen die Fensterläden, weiß strahlen die Mauern. Der Obsthändler hinter der Brücke hat zugemacht, vielleicht ist er in Pension gegangen, vielleicht macht er aber auch nur Urlaub. Des Nachbars kleine Katze hat jetzt selbst Kätzchen, die sich in den großen Blumentrögen auf der Gasse balgen. Und in der Ferienwohnung über dem Meer gibt es jetzt Moskitonetze. Dafür hat irgendein Vormieter die bunten Müslischalen zerschmissen.

Noch immer packt im Supermercato, der eigentlich ein Greißler ist, die Oma unsere Einkäufe in Plastiksackerln und lacht, wenn ich mich mit dem Bezahlen beeile. Piano, piano, diese Touristen aber auch, müssen sich erst gewöhnen an das südländische Tempo. Noch immer klettern die jungen Burschen auf die hohen Klippen und springen, begleitet vom Gejohle ihrer Freunde, ins Meer. Die Alten sitzen wieder auf der Gasse und zupfen Minzblättchen von den Stängeln für die Mojitos, die abends in der Bar nebenan den sonnenverbrannten Touristen serviert werden. Unverändert: das Meer. Der Strand. Der Himmel. Der große, beigefarbene Sonnenschirm auf der Terrasse, unter den wir uns vor der Mittagshitze flüchten.


Die beste Pasta. Es ist schön, wenn man wiederkommen kann. Wenn man weiß, wo man die besten Wassermelonen und die beste Pasta bekommt, wann die Apotheke öffnet und was man tut, wenn wieder einmal der Strom ausfällt, nämlich gar nichts, das wird schon wieder. Es fühlt sich heimelig an und vertraut, als hätten die Stadt und ihre Bewohner auf uns gewartet, als sei die Zeit dort seit letztem Sommer stillgestanden, was Unfug ist, ich weiß das, natürlich, aber dem Gefühl ist das egal. Mein Städtchen am Meer.

Und dabei ist es vielleicht das letzte Mal. Ich erinnere mich an diesen Nachmittag vor über zehn Jahren, als wir Caorle verlassen und gewusst haben: Diesmal war es für immer – Hannah kam in die Schule, und in der Hauptsaison war die Obere Adria zu überlaufen, ich warf noch einen Blick zurück durchs Rückfenster des Taxis, das uns zum Bahnhof brachte, und das Haar von Marlene, die auf meinem Schoß saß, roch nach Sonne und Salz.

So ähnlich wird das diesmal auch sein, also die Wehmut, denn nächstes Jahr werden wohl die Partner der Kinder mitfahren, ich freue mich darauf, aber die Ferienwohnung mit dem beigen Sonnenschirm ist dafür zu klein, wir werden uns also einen neuen, einen geräumigeren Platz am Meer suchen müssen, ihn werden wir in diesem Städtchen nicht finden.

Wir werden also wieder weiterziehen . . .

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

diepresse.com/amherd

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2019)

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